© Fotos: Johannes Krenzer
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Parkour oder Freerunning bedeutet, mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers über Hindernisse und Abgründe von A nach B zu kommen. Nicht der ultimative Kick steht im Mittelpunkt, sondern der Genuss der Bewegung. Nötig ist dazu große mentale Stärke. Wie man sie finden kann, verriet Freerunner Enis Maslic den Team-Captains beim Auftakt-Event des TARGOBANK Run – und im Interview mit dem Magazin.

Als einer der ersten Freerunner in Deutschland gehört der 1988 geborene Enis Maslic zu den Gründern von Ashigaru (japanisch für „leichtfüßig“), dem erfolgreichsten deutschen Parkour-Team. Der studierte Sportökonom hat Parkour-Parks entworfen, in Kinofilmproduktionen mitgewirkt und sich mit zahllosen Workshops einen Namen gemacht.

Enis Maslic.

Wie schwer fällt es Ihnen, durch eine geöffnete Tür zu gehen, wenn man zum selben Ziel auch über eine Mauer springen kann?

Gar nicht so schwer. Ich benutze genauso Türen, wie andere Menschen auch. Aber wenn ich Lust habe, über eine Mauer zu springen, dann packt’s mich – und ich springe eben. Es fällt mir eher schwer, lange still zu sitzen oder ganz normale Wege zu gehen. In einem Haus ist das nicht so schlimm. Aber wenn man draußen in der Stadt ist, gibt es Wegführungen, die nicht sonderlich viel Sinn machen. Man muss oft komplizierte Umwege laufen, um an sein Ziel zu kommen, anstatt einfach mal kurz über eine Mauer zu hüpfen. Dann nehm’ ich doch schon eher die Abkürzung.

Ist das auch ein Grund gewesen, mit diesem Sport zu beginnen – Umwege zu vermeiden?

Parkour ist etwas ganz Natürliches, alle Kinder machen das: Sie klettern und springen einfach, weil der Mensch von Natur aus als Bewegungsmaschine konzipiert ist. Wir sind dafür gemacht, 40 Kilometer am Tag zurückzulegen, über Baumstämme zu springen und zu klettern. Nur ist das mit der Zivilisation verloren gegangen. Wir sind bequem geworden, sitzen den ganzen Tag herum und entfernen uns so von unserer ursprünglichen Natur. Parkour heißt: Machen, wofür der Mensch eigentlich gedacht ist – und das ist Bewegung. Kinder zum Beispiel nehmen ihre Umgebung spielerisch wahr, testen dabei ihre Fähigkeiten, gehen an ihre Grenzen. Aber irgendwann sagen wir: „Spring’ nicht auf die Mauer! Balancier’ da nicht! Sei nicht anders!“ Wir haben die Kinder so weit domestiziert, dass sie heute zum Teil nicht mehr rückwärts laufen können. Ich habe das immer wieder festgestellt, wenn ich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet habe.

Ich wollte immer klettern und springen, habe viele Sportarten ausprobiert. Als ich 15 oder 16 war, hat mir ein Freund ein Video gezeigt: Yamakasi von Luc Besson. Das spielte in Paris und die Yamakasi waren Mitbegründer der Parkour-Bewegung. Da war ich Feuer und Flamme, ich habe mich in diesen Bewegungen einfach selbst gesehen.

Wie lernt man es, sich immer mehr zuzutrauen – ohne in Gefahr zu geraten?

Ganz wichtig ist, dass man selbstreflektiert ist. Was wir tun, hat nichts mit „Jackass“ zu tun. Viele denken, wir sind waghalsig. Es geht aber nicht um Adrenalin. Es geht um Selbsteinschätzung und Disziplin. Man fängt nicht an, indem man von Dach zu Dach springt. Man beginnt am Boden und springt von Bordstein zu Bordstein, um Kraft und Präzision aufzubauen. Wenn man das kann, geht man auf eine kniehohe Mauer – und irgendwann auf eine Garage. Es ist ein Prozess, in dem man immer reflektieren muss: Wie bereit ist man? Ich möchte den Leuten eine gesunde Selbsteinschätzung vermitteln, dass sie auch zurücktreten können und sagen: „Hey, ich bin noch nicht bereit für diesen Sprung, ich komme wieder, wenn ich mehr trainiert habe und stärker geworden bin!“ Das ist die gesündeste Art, die Grenzen hinauszuschieben: Zwei Schritte vor, einen zurück – wieder zwei vor, einen zurück…

Parkour ist etwas ganz Natürliches, alle Kinder machen das: Sie klettern und springen einfach, weil der Mensch von Natur aus als Bewegungsmaschine konzipiert ist.

Für Ihren Sport brauchen Sie körperliche und mentale Fitness – wann kommt es besonders auf die mentale Kraft an?

Wenn ich in geringer Höhe balanciere, ist das mental keine Herausforderung. Mache ich das Gleiche auf 20 Metern Höhe an einem Abgrund, ist es dieselbe körperliche Leistung, aber mental ein ganz anderes Spiel! Umgekehrt ist es bei Sprüngen etwa von einer Garage: Dazu brauche ich nicht viel Überwindung, aber eine starke Muskulatur, die den Sturz abfängt. Ist sie es nicht, kann man sich ein Bein brechen.

Es ist wichtig, dass man beide Aspekte gleich trainiert. Ohne körperliche Fitness kann man den Sport nicht machen. Aber man muss auch die mentalen Grenzen hinterfragen und bereit sein, die „Comfort Zone“ zu verlassen: Dass man immer etwas über das hinausgeht, was man gerne macht – das unangenehm ist, aber nicht so sehr, dass es gefährlich ist. Wenn man diese Komfortzone immer weiter hinausschiebt, resultiert daraus eine mentale Stärke.

Hilft Ihnen das Freerunning, schwierige Situationen im Alltag zu lösen?

Definitiv, das hat schon in der Schulzeit angefangen. Je länger ich den Sport gemacht und mich mit meinen Ängsten konfrontiert habe, desto mehr habe ich auch gemerkt, dass es auf mein Privatleben abfärbt. Ich sagte mir: „Hey, du hast gestern diesen schwierigen Sprung geschafft, du musst doch keine Angst vor der Klausur oder dem Vorstellungsgespräch haben!“ Man kriegt so einfach eine gesunde Selbsteinschätzung und hinterfragt die Ängste. Angst ist etwas ganz Normales im Parkour. Man unterscheidet zwischen einer guten Angst, die einen schützt, und einer unbegründeten Angst, wo man sich sinnlos fürchtet, nur weil man etwas noch nicht gemacht hat. Es hilft, so etwas zu hinterfragen und zu rationalisieren. Und das kann man absolut aufs normale Leben übertragen.

Auch wenn Sie es sehr gut gelernt haben, mit Ängsten umzugehen – wovor haben Sie trotzdem noch Angst?

In erster Linie vor Dingen, die ich nicht selbst beeinflussen kann. Kann sein, dass man die Diagnose für eine schwere Krankheit bekommt oder man hat einen Verkehrsunfall, weil jemand betrunken Auto gefahren ist. Das sind ziemlich reale Gefahren, die sich die Leute aber nicht klar machen. Es ist eigentlich das Dümmste überhaupt, sich in ein Auto zu setzen und dann mit 180 km/h auf der Autobahn zu fahren, denn sobald irgendwas schiefgeht, ist man tot. Das sind Ängste, die man zur Seite schiebt, weil man sagt: Ich habe den Führerschein, ich kann das. Es sind Dinge, vor denen man auch Angst haben könnte, eigentlich Angst haben müsste. Aber Angst ist grundsätzlich nie ein guter Ratgeber. Wenn mir etwas Unbehagen bereitet, dann versuche ich es auch wie im Sport zu hinterfragen. Gibt es einen Grund dafür, dass ich Angst habe, dann bin ich offenbar noch nicht so weit und trete auch ein paar Schritte zurück.

Herzlichen Dank für das Gespräch!