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Selten gab es über lange Zeit so niedrige Sparzinsen. Doch kein Grund zur Panik – denn das Zinsniveau ist stets zusammen mit der Inflation zu sehen. Und auch die ist gerade extrem niedrig. Erst die Verrechnung beider ergibt den Realzins. Der zeigt an, ob der Wert eines Guthabens im Verhältnis zur Teuerung steigt. Aber wie war das früher, in Zeiten hoher Sparzinsen?

Brüssel, 18. Juni 1972: Die Bundesrepublik Deutschland steht gegen das Team der Sowjetunion im Endspiel der Fußball-Europameisterschaft. Nach Gerd Müllers entscheidendem 3:0 ist für den achtjährigen Martin klar: „Ich werde Fußballprofi!“ Martins Eltern kaufen Fußballschuhe, Trainingskleidung und zahlen den Vereinsbeitrag. Auf den teuren Lederball, den Martin unbedingt will, soll er aber selbst sparen. Tatsächlich sammelt sich Münze um Münze – und hin und wieder auch ein Schein – in Martins Sparschwein und nach einigen Monaten kann er den Ball kaufen.

Das schafft Martin, obwohl er die aus heutiger Sicht stattlichen Zinsen von rund 4 Prozent, die er 1972 dafür auf einem Sparbuch bekommen hätte, gar nicht in Anspruch nimmt – und obwohl die Inflation in diesem Jahr sogar bei noch höheren 5,5 Prozent liegt.

Hier stellt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Besteht der hauptsächliche Sinn des Sparens in der realen Vermehrung des Guthabens nur durch den Zins? Beobachtet man die historische Entwicklung, kommen da Zweifel auf. Die Bundesbank hat in dieser Untersuchung nämlich aufgearbeitet, dass es historisch keineswegs einmalig ist, wenn die Sparzinsen unter der Inflationsrate liegen: In den meisten Jahren zwischen 1967 und 2014 ist das der Fall. In diesen Phasen kann man von einem negativen Realzins sprechen.

Nominelle oder reale Geldvermehrung?

Im Jahr 1972 lag der Realzins bei Minus 1,5 – weil die Teuerung mit 5,5 Prozent mehr Kaufkraft aufzehrte, als die 4 Prozent aufs Guthaben im Sparbuch ausgleichen konnten. Somit trägt der Sparzins zwar stets zu einer nominellen Geldvermehrung bei, doch nur gelegentlich auch zu einer realen. Erste Erkenntnis daraus: Eine zuverlässige reale Geldvermehrung beim Sparen entsteht dauerhaft also nur, indem man dem Sparguthaben selbst immer wieder etwas „Erspartes“ hinzufügt. Zweite Erkenntnis: Auch in früheren Jahren erging es Sparern in dieser Hinsicht nicht besser.

Doch ist Sparen deshalb unsinnig? Auch wenn die Anlage in Sachwerte wie Aktien und Immobilien in der Regel lukrativer ist, haben Sparguthaben auf jeden Fall ihren Sinn: Zum einen ist es wichtig, eine liquide Barreserve zu haben, denn sonst müsste man sich für jede größere Ausgabe Geld leihen und dafür Darlehenszinsen zahlen. Und nicht zuletzt bilden Sparguthaben in der Regel den Grundstock dafür, überhaupt in größere Sachwerte investieren zu können. So zum Beispiel beim Kauf einer Wohnung oder eines Hauses. Mit einer Komplettfinanzierung ganz ohne Eigenanteil klappt das meistens nicht.

So kam auch Fußball-Enthusiast Martin zu seiner eigenen Immobilie. Die Basis bildete ein über viele Jahre, in kleinen Schritten angespartes Guthaben. Kleine Schritte waren nötig, weil aus Martins erhoffter Karriere als Fußball-Profi leider doch nichts geworden ist. Die Liebe zum Fußball ist aber stets geblieben, und so trainiert Martin heute ehrenamtlich eine Jugendmannschaft. Auch hier wird – Zins hin, Zins her – fröhlich gespart: Von dem Geld, das regelmäßig in die Mannschaftskasse fließt, leisten sich die jungen Kicker jedes Jahr einen tollen Ausflug mit ihrem engagierten Trainer Martin.