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Die Deutschen sind gute Sparer, aber schlechte Anleger. Im Interview erläutert Martin Weber, Wirtschaftsprofessor und Gründer des Fonds ARERO, warum Realität und subjektive Einschätzung von Risiko bei Privatanlegern teils deutlich auseinanderliegen. Und wie man den Mangel an Selbstdisziplin beim Geldanlegen überwinden kann.

Herr Weber, die deutschen Anleger gelten als risikoscheu; sie kaufen gerne Versicherungen und legen gerne in Staatsanleihen an, was ihnen im aktuellen Nullzinsumfeld Probleme bereitet – warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Wir Deutschen sind gute Sparer, aber schlechte Anleger. Der durchschnittliche deutsche Privatanleger investiert einen zu geringen Anteil seines Vermögens in riskante, aber renditestärkere Anlagen. Im Vergleich mit den USA zum Beispiel ist der Anteil von Aktien am Gesamtvermögen um ein Vielfaches geringer. Eine Begründung liegt mit Sicherheit in kulturellen Unterschieden. Eine andere Begründung – an der wir etwas ändern könnten – liegt am fehlenden Verständnis für finanzielles Risiko. Der normale Privatanleger hat zu wenig Ahnung, was Risiko an Finanzmärkten bedeutet und fürchtet sich zu sehr vor einem, bei richtiger Anlagestrategie sehr unwahrscheinlichen, Totalverlust seines Vermögens.

Herr Weber ist Gründer des Fonds ARERO, der eine wissenschaftlich fundierte Anlagestrategie von starker Risikostreuung bei sehr geringen Kosten verfolgt.

In der Finanzwelt gibt es viele Maße für Risiko – an welchem sollten sich Privatanleger denn orientieren und an welchem orientieren sie sich tatsächlich?

Das wichtigste Risikomaß in der klassischen Kapitalmarkttheorie ist die Varianz, also die Streuung möglicher Renditen. Prinzipiell sollten sich Privatanleger auch daran orientieren. Mit guter Umsetzung, also mit breiter Risikostreuung bei niedrigen Kosten, ist dieser Ansatz wissenschaftlich fundiert. Uns ist klar, dass die meisten Privatanleger Risiko nicht nur anhand der Varianz, sondern auch anhand anderer Faktoren wahrnehmen. Die Tendenz, gerne zu Versicherungen zu greifen, rührt beispielsweise auch daher, dass Menschen dazu neigen, die Wahrscheinlichkeit extrem negativer Ereignisse zu überschätzen. Allerdings ist es schwer zu sagen, wie genau Privatanleger verschiedene Faktoren gewichten und letztendlich ihre Risikowahrnehmung zustande kommt, auch wenn inzwischen einige Studien dazu existieren.

 

Sie sagen, der durchschnittliche Privatanleger hat zu wenig Wissen im Bezug auf das Risiko von Finanzanlageninwiefern hat das negative Konsequenzen beziehungsweise ist das zum Nachteil des Anlegers?

Der durchschnittliche Privatanleger hat Schwierigkeiten intuitiv abzuschätzen, wie sich Varianz und Zinseszins langfristig auf die Entwicklung einer Anlage auswirken können. Realität und subjektive Einschätzung liegen teils deutlich auseinander. Zum einen vernachlässigen Anleger dadurch die Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit schmerzender Verluste bei längerem Anlagehorizont kontinuierlich abnimmt. Die Risiken möglicher Verluste werden dann schnell überschätzt. In der Folge wirken Finanzanlagen schnell abschreckend oder gegen das Verlustrisiko werden teure Versicherungen gekauft. In Zeiten niedriger Zinsen und steigendem privaten Vorsorgebedarfs müssen Privatanleger unbedingt besser aufgeklärt werden.

Zum anderen sehen wir in der Forschung, dass Privatanleger Rendite und Risiko getrennt voneinander betrachten. Sehen sie außergewöhnlich hohe vergangene Renditen, vernachlässigen sie, dass der Fondsmanager diese womöglich nur unter Inkaufnahme hoher Risiken erzielen konnte. Schenken sie dann dem Fondsmanager in der Zukunft ihr Vertrauen, passt die Anlage möglicherweise gar nicht zur persönlichen Risikoeinstellung oder den privaten und finanziellen Verhältnissen.

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Wir Banken unterliegen bereits einer Fülle an regulatorischen und gesetzlichen Vorgaben bei der Kennzeichnung von Anlagerisiken, insbesondere bei der Anlageberatung. Ihrer Meinung nach ist das aber noch nicht genug – warum wäre eine noch umfangreichere Risikoaufklärung wichtig?

Die Risikoaufklärung sollte vor allem verständlich und dem Vorwissen des Kunden angepasst sein. Wichtig für die Kapitalanlage ist es, dass der Kunde langfristig und diszipliniert spart. Turbulente Zeiten kommen immer mal wieder vor, sollten aber mit ruhiger Hand ausgestanden werden. Bekommt der Kunde eine transparente Beratung und versteht das Risiko der Finanzanlagen besser, so weckt der Berater auch keine unrealistischen Hoffnungen – späteren Enttäuschungen wird vorgebeugt. Der Kunde verliert somit auch in schwierigen Zeiten nicht das Vertrauen. Das ist für beide Seiten von Vorteil.

Außerdem legt die jetzige Regulierung den Fokus nur auf Volatilität, also die Schwankungen von Aktienkursen, als Risikomaß. Der Anleger interpretiert aber vielleicht andere Eigenschaften als Anlagerisiko, z. B. das Verlustrisiko. Es könnte also hilfreiche sein, verschiedene Risikomaße einzusetzen.

Neben dem Thema Risiko nennen Sie auch immer wieder den Faktor Selbstdisziplin bzw. deren Mangel als Grund, warum der kontinuierliche Vermögensaufbau breiter Bevölkerungsschichten nicht so recht voranschreitet…

Viele Menschen nehmen sich vor, ihren Bonus oder ihre Gratifikation dieses eine Mal komplett auf die Seite zu legen. Es droht ja schließlich die Rentenlücke. Sobald das Geld auf dem Konto liegt, ist es jedoch schon wieder komplett verplant. Der Zeitpunkt des großen Ansparens verschiebt sich bis zur nächsten Sonderzahlung. Der erfolgversprechendste Weg ist, die einmal getroffene Entscheidung so festzuzurren, dass es morgen schwerfällt, sich wieder davon zu lösen. Das kann zum Beispiel ein Ratensparplan sein, der mit der Entwicklung des Gehalts ansteigt. Oder man lässt einen festen Bestandteil von Bonus und Jahresgratifikation automatisch in Indexfondsanteile umwandeln. Der Effekt auf die persönliche Vermögensbildung wird schnell spürbar sein.