© Oliver Noelting

Frugal bedeutet „einfach, bescheiden, mäßig“. Der frugale Lebensstil entstand nach der Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren in den USA. Menschen, die sich selbst so bezeichnen, sparen mit allen Mitteln einen möglichst großen Teil ihres Einkommens und investieren das Geld in Aktien und Fonds. So häufen sie im Erfolgsfall schon deutlich vor dem Rentenalter ein Vermögen an, mit dem sie bis an ihr Lebensende auskommen könnten, ohne einer Arbeit nachgehen zu müssen. Das macht im besten Fall unabhängig und glücklich, sagt Frugalist Oliver Noelting.

Oliver Noelting (29) wohnt mit seiner Freundin Joana in Hannover und ist Teil einer neuen Bewegung, die sich Fire nennt – eine Kurzform für „Financial Independence, Retire Early“. Das heißt übersetzt so viel wie „Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand“. Er arbeitet 24 Stunden die Woche als Softwareentwickler bei einer kleinen Agentur und verdient sich als Selbstständiger noch etwas dazu. Insgesamt kommt er auf rund 2.300 Euro netto monatlich. Als Frugalist hält er seine Ausgaben so niedrig wie möglich, sie liegen bei etwa 800 Euro im Monat. Das verbleibende Geld investiert er in börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETFs.

Oliver, seit einer Weile ist Frugalismus hip: Wie bist Du dazu gekommen?

2013 ist ein Bekannter von mir in den Medien auf Mr. Money Mustache gestoßen, den amerikanischen Pionier des Frugalismus. Er war so angetan von der Idee, dass er allen davon erzählt hat – auch mir. Zuerst war ich ziemlich skeptisch, aber dann hab ich mir seinem Blog angesehen und war begeistert. Damals war ich noch Student und hatte im Monat ungefähr 500 Euro zum Leben. Unterbewusst habe ich mich da schon immer gefragt: Wieso arbeiten alle Erwachsenen Vollzeit? Und warum geben sie so viel Geld für große Häuser und dicke Autos aus? Der Frugalismus hat bei mir also einen Nerv getroffen.

Und wie wird man Frugalist?

Ich habe drei Dinge gemacht: Erstens habe ich angefangen, sehr konsequent ein Haushaltsbuch zu führen – und das mache ich bis heute. Es hilft dabei, ein Bewusstsein für die eigenen Ausgaben zu schaffen. Zweitens habe ich angefangen, mich mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen und alles gelesen, was mir dazu in die Finger kam: Wie funktionieren Börsen? Wie entwickeln sich die Märkte? Welche Möglichkeiten habe ich als Privatanleger, mein Geld sinnvoll und effizient zu investieren? Was sind die Risiken? Dann habe ich ein Depot eröffnet und meine ersten ETFs gekauft. Das führte mich beides zum dritten Punkt: Frugalismus bedeutet nicht nur sparsam zu leben und so viel Geld wie möglich anzulegen, sondern auch nicht mehr so bequem zu sein. Ich habe angefangen, Neues zu lernen und zum Beispiel Dinge selbst zu reparieren und ich habe ausgemistet und alles, was ich nicht wirklich brauchte, verkauft. Die Devise von Frugalisten lautet: Raus aus der Komfortzone und weg vom passiven Konsumenten hin zum kreativen Problemlöser.

An welchen Stellen lässt sich das meiste Geld sparen?

Ich halte gar nichts von abstrusen Spartipps á la Heizung runterdrehen, Licht aus usw. Klar, damit lassen sich jedes Jahr ein paar Euro sparen, aber die wirklich großen Posten liegen ja woanders. Das Zusammenspiel aus Wohn- und Arbeitsort zu optimieren ist meiner Erfahrung nach der Faktor, bei dem man am meisten Geld sparen kann. Konkret heißt das: Kann ich von meinem Wohnort aus mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit kommen, spare ich mir die Kosten für ein Auto plus Sprit oder die öffentlichen Verkehrsmittel. Noch dazu kostet Pendeln viel Zeit und damit Lebensqualität. Klar, die Mieten in der Stadt sind höher als auf dem Land – aber auch dort kann man oft bezahlbaren Wohnraum finden, wenn man seine Prioritäten anders setzt. Und wenn der Partner an einem anderen Ort arbeitet, ist es vielleicht sogar sinnvoll, dass einer von beiden den Arbeitsplatz wechselt.

Ich sehe das als System, das ich selbst beeinflussen kann – und mache mich nicht zum Opfer der Umstände. Damit komme ich auch schon zum wichtigsten Punkt: Auf die richtige Grundeinstellung kommt es an. Viele denken: „Ich muss nur das Richtige kaufen, dann bin ich zufrieden.“ Das fängt bei Klamotten oder dem Handy an und geht über Auto und Urlaub bis hin zu Eigentumswohnung oder Haus.

„Ich habe alles, was ich brauche. Ich muss nichts kaufen, um mein Leben besser zu machen.“

Frugalismus ist also mehr als Konsumverzicht?

Absolut. Es ist eine Lebenseinstellung. Als Frugalist sage ich mir: „Ich habe alles, was ich brauche. Ich muss nichts kaufen, um mein Leben besser zu machen.“ So spare ich nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit und Energie, die bei anderen für die Auswahl von Konsumartikeln draufgeht. Sich mit Konsum für etwas zu belohnen funktioniert leider immer nur sehr kurzfristig – aber klar, ab und zu gehe ich auch mal ins Restaurant oder kaufe etwas, das ich nicht ganz dringend brauche, aber das ist für mich eben eine Ausnahme. Zeit haben und langfristig die Früchte meiner Arbeit genießen sind für mich die beste Belohnung. Ich bin davon überzeugt, dass Glück von innen kommt und viel weniger von den äußeren Umständen abhängt als wir meinen. Das bestätigt auch die Forschung zur hedonistischen Adaption.

Was machst Du mit dem Geld, das jeden Monat übrig bleibt?

Ein kleiner Teil ist meine Liquiditätsreserve, also Geld, das für den Notfall sofort verfügbar ist. Die Höhe dieser Reserve ist sehr individuell vom Lebensstil abhängig. Da wir weder ein Auto, noch Wohneigentum besitzen, müssen wir auch kein Geld für große Reparaturen zurücklegen. Manche Frugalisten halten gar keine Barreserven vor, sondern investieren das gesamte Geld, das sie nicht zum Leben brauchen. Sollten sie unerwartet doch Geld brauchen, nehmen sie sich einen Kredit. Im Moment sind die Zinsen dafür ja sehr günstig. 70 Prozent meines Gehalts fließen jeden Monat in ein breit gestreutes und langfristig angelegtes ETF-Portfolio – so sind Risiko und Kosten der Geldanlage für mich überschaubar.

Und wie stehen die Chancen, dass Du mit 40 finanziell ausgesorgt hast und nicht mehr arbeiten musst?

Ich könnte schon jetzt aus den Aktiengewinnen meine monatliche Miete finanzieren. Bis jetzt sieht es also ganz gut aus. Aber man weiß natürlich nie, was das Leben noch so bringt. Ich sehe das aber auch nicht so schwarz/weiß. Für mich ist der Weg das Ziel und es geht mir vor allem darum, mir in meinem Leben Freiräume zu schaffen. Um mal in einem Bild zu sprechen: Für mich ist das Leben eine Torte. Jedes Stück steht für einen Aspekt, der mir wichtig ist, beispielsweise Freunde, Familie, Sport aber auch Arbeit. Ich möchte selbst entscheiden können, wie groß welches Tortenstück ist und auch Raum für neue Aspekte haben. Ein klassischer Lebensentwurf mit einem Vollzeitjob lässt sich damit nur schlecht vereinbaren. Mein Ziel ist ein sinnerfülltes, entspanntes und glückliches Leben – und diesem Ziel bin ich schon sehr nah.

Herzlichen Dank für das offene Gespräch!

 

Mehr Infos zu Oliver Noelting finden Sie auf seinem Blog Frugalisten.de.

 

Wie lange reicht das Vermögen bei Einkommensausfall?

Immerhin jeder zehnte Haushalt in Deutschland könnte etwa 13 Jahre mit seinen Ersparnissen auskommen – vorausgesetzt, der Lebensstandard verändert sich nicht. Das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung von 2017.

Fünf Prozent der Haushalte könnten sogar zwei Jahrzehnte lang von ihrem Vermögen leben. Demgegenüber stehen 30 Prozent der Haushalte, bei denen nach wenigen Wochen oder Monaten die Reserven verbraucht wären. Vor allem Alleinerziehende und deren Kinder zählen zu dieser Gruppe.