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Brexit, EZB- und FED-Entscheidungen – TARGOBANK Chefvolkswirt Otmar Lang kommentiert regelmäßig das aktuelle Geschehen rund um die Wirtschaftslage.

TARGOBANK Chefvolkswirt Otmar Lang zur aktuellen Wirtschaftslage

Düsseldorf, 16. September 2020

„Die Bilanz der FED sieht bisher äußerst mager aus.“

Die FED steht vor einem Glaubwürdigkeitsproblem: Denn für 2020 sieht ihre Bilanz bisher äußerst mager aus. Egal was die amerikanische Notenbank in den vergangenen Monaten probierte – angefangen von der Leitzinssenkung auf Null bis zur beispiellosen Bilanzausweitung durch den Ankauf von Rentenpapieren – die Inflation ist heute niedriger als zu Beginn der Maßnahmen. Unterm Strich hat das extrem entschlossene geldpolitische Wendemanöver der FED also kaum etwas gebracht – außer eine um 40 Prozent gestiegenen Geldmenge.

Der Druck auf Notenbank-Chef Jerome Powell steigt: Er konnte heute nur betonen, am Wertpapierankaufprogramm festzuhalten und die Zinsen noch lange nicht anzuheben. Denn negative Leitzinsen hatte die FED schon länger ausgeschlossen. 

Für die Finanzmärkte ist das eine erfreuliche Nachricht, die Aktienmärkte dürften weiter haussieren, und die Rentenmärkte bleiben stabil. Doch die Ungleichgewichte werden damit nicht kleiner. Wenn die FED schon beim Inflationsziel keine Fortschritte macht, sollte sie es doch zumindest vermeiden, neue Baustellen aufzumachen. Stattdessen sorgt sie mit ihrer Politik weiterhin für massive Verzerrungen an den Finanzmärkten.

Einer dagegen dürfte sich nicht beklagen: US-Präsident Donald Trump bekommt von der FED das, was er wollte – und sogar noch mehr. Dass die Zinsen dauerhaft so niedrig bleiben würden, hätte sich wohl nicht mal er in seinen kühnsten Träumen ausgemalt. Sollte Donald Trump die Wahl im November verlieren, kann er also zumindest nicht die FED dafür verantwortlich machen.

Marktkommentar: Archiv seit 2017
  1. 1. „Die EZB hat sich nicht rechtzeitig um den Euro gekümmert.“ (10. September 2020)

    Auf der jüngsten EZB-Sitzung stand keine wichtige Entscheidung an. Es war klar, dass die „Wait-and-See-Attitude“ fortgesetzt würde. Dennoch gab es eine Menge zu besprechen: Zum einen hat sich seit Mitte Mai der Euro zum USD um fast 10 Prozent aufgewertet. Zum anderen ist der Preisauftrieb in der Eurozone auf den tiefsten Stand seit über fünf Jahren gesunken. Außerdem hatte die US-Notenbank kürzlich einen Strategieschwenk hin zu einem durchschnittlichen Inflationsziel bekannt gegeben. Dieser impliziert eine weitere Lockerung der US-Geldpolitik, was den Aufwertungsdruck für den Euro nochmals erhöht. So gesehen war es spannend zu sehen, was der Schwerpunkt der Ausführungen von Frau Lagarde sein würde.

    Es kam, wie es kommen musste: Da die Leitzinsen selbst in der schlimmsten Phase der Coronakrise nicht mehr gesenkt wurden, gab es auch heute keine Aussagen in diese Richtung. EZB-Chefin Christine Lagarde konnte lediglich die Flexibilität der Notenbank beim Anleiheankauf deutlich herausstellen. Hier hatte die Zentralbank im Rahmen ihres Pandemie-Programms PEPP erst im Juni das Volumen verdoppelt. Ob die Aussagen von Frau Lagarde allerdings ausreichen, den Aufwertungsdruck vom Euro zu nehmen, ist fraglich. Möglicherweise wird mittelfristig auch die EZB ein durchschnittliches Inflationsziel verfolgen, das war aber heute für sie noch kein Thema.

    Frau Lagarde betonte richtigerweise, es gebe keinen Grund für Überreaktionen auf den Euroanstieg. Es scheint dennoch, als ob es die EZB in der Hochzeit der Coronakrise verpasst hat, sich um den Euro zu kümmern, wogegen die FED ihre geldpolitischen Ziele sehr effizient verfolgte. Die EZB muss jetzt einen Weg finden, ihre bereits ultralockere Geldpolitik weiter zu lockern, um sich zumindest mittelfristig ihrem Inflationsziel anzunähern ohne gleichzeitig in die Liquiditätsfalle zu tappen. Dann würde eine Geldmengenerhöhung zu keiner Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten führen, wäre also nutzlos. Den Euro konnte sie heute auf jeden Fall nicht schwächen. Der gewann schon während ihrer Ausführungen weiter gegen den US-Dollar.

  2. 2. „EZB geht gelassen in die Sommerpause“ (16. Juli 2020)

    Es war die letzte Sitzung vor der Sommerpause. Die EZB hat keine wichtigen geldpolitischen Entscheidungen getroffen. Das war auch nicht nötig. Die EZB tat deshalb gut daran, Stabilität und Verlässlichkeit zu signalisieren, aber auch Gelassenheit auszustrahlen.

    Das ist auch nötig, denn sowohl den Finanzmärkten als auch den Volkswirten fehlt im Moment ein Kompass – die Unsicherheit ist groß. Obwohl das Kreditgeschäft dank der unterstützenden Maßnahmen seitens der EZB den Umständen entsprechend sehr gut läuft, warnen die Volkswirte bereits vor einem heißen Herbst. Ein Anschwellen der Insolvenzen würde auch die Zahl der notleidenden Kredite signifikant erhöhen.

    Aber auch die Aktienanalysten schwimmen. Laut einer aktuellen Umfrage erwarten sie, dass der DAX am Jahresende ungefähr auf dem aktuellen Niveau stehen wird. Das Problem: Genau diese Aussage hatten die Analysten auch im Mai schon getroffen, als der DAX noch 12 Prozent unter dem jetzigen Niveau lag.

    Die Situation ist auch vertrackt. Konjunktur und Richtung der Geldpolitik hängen von der Entwicklung der Pandemie ab. Deren Fortgang ist aber in keiner Weise prognostizierbar. Offensichtlich ist inzwischen aber, dass sie sich länger hinzieht, als noch im März vermutet.

    Die mutigen Maßnahmen der EZB haben dazu beigetragen, die Liquiditätsengpässe zu vermeiden, die möglicherweise zu einem noch stärkeren Wirtschaftsrückgang geführt hätten. Diese Strategie wird sie fortführen. Eines aber muss immer klar sein: Die EZB erkauft mit ihrer Geldpolitik dem europäischen Wirtschaftsraum nur Zeit. Lösen kann sie die Probleme nicht.

  3. 3. „Stimmungsindikatoren werden bald wieder nach oben zeigen“ (11.Mai 2020)

    Die jüngsten historisch niedrigen Stimmungsindikatoren werden sich schnell wieder erholen. Damit rechnet Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK. „Wir gehen von einer deutlichen Aufwärtsbewegung der weltweiten Einkaufsmanagerindikatoren bereits in den kommenden Monaten aus“, so Lang. China habe das bereits vorgemacht.

    Beim Einkaufsmanagerindex wird stets die Veränderung der Stimmung im Vergleich zum Vormonat abgefragt. Nach den jüngsten Lockerungen in vielen westlichen Ländern sei hier bereits im Juni mit einem deutlich positiveren Bild zu rechnen. „Wenn die Einkaufsmanagerindikatoren nach oben zeigen, steigen die Aktienkurse weiter an“, betont Dr. Otmar Lang.

    Für einen anhaltenden optimistischen Kapitalmarkt-Ausblick gebe es noch weitere Gründe: „Im Gegensatz zur Großen Finanzkrise wirkt die Geldpolitik diesmal anders“, so Lang. Die Notenbanken würden die Finanzmärkte und die Unternehmen liquide halten, die Bedingungen für die Kreditvergabe seien anders als 2008 nicht wesentlich verschärft worden. „Die wichtigste Voraussetzung für eine nachhaltig positive Entwicklung wäre, dass sich das Virus weltweit weiter relativ zügig eindämmen lässt“, so Lang. Doch auch dafür stünden die Chancen gut, was Erfahrungen in den bislang betroffenen Ländern belegten.

    Anleger sollten weiterhin ein Augenmerk auf die Branchen Gesundheit, Technologie und Nachhaltigkeit legen.

  4. 4. „Der Überbietungswettkampf pausiert – vorerst“ (29. April 2020)

    Manchmal scheint es, als seien die globalen Notenbanken in der Coronakrise in einen Überbietungswettkampf eingetreten. Diese Woche haben die japanischen Notenbanker bereits wieder nachgelegt. Sie kaufen jetzt unbegrenzt Staatsanleihen und haben die Beschränkung beim Ankauf von Unternehmensanleihen weiter verschoben.

    Glücklicherweise hat sich die US-Notenbank heute nicht direkt an diesem Wettkampf beteiligt. Eine weitere Zinssenkung in den Minusbereich hatte ohnehin niemand erwartet. Dafür waren die Aussagen von FED-Chef Powell in der Vergangenheit zu eindeutig. Er lehnt negative Zinsen ab. Aber er hat das Fenster für weitere Liquiditätsschübe offengelassen. Beim Blick nach vorne lässt Jerome Powell klar die Bereitschaft erkennen, dass im Zweifelsfall noch mehr Liquidität in die Finanzmärkte gepumpt wird.

    Seit Mitte März hat die FED ihre Bilanz bereits um rund 50 Prozent ausgeweitet. Das ist jetzt schon mehr als zur Hochzeit in der globalen Finanzmarktkrise und entspricht inzwischen, gemessen am US-BIP, einer Quote von knapp über 30 Prozent. Dabei sind die USA mit dieser Quote kein Spitzenreiter: Vor ihnen liegt die Europäische Zentralbank mit ca. 44 Prozent, Japan mit 111 Prozent und die Schweiz mit 113 Prozent.

    Zweifelsohne hat die FED in der Pandemie bisher mutig und entschlossen gehandelt. Wenn sie jetzt keine neuen Rettungsprogramme auflegt, bedeutet das noch lange nicht das Ende des Krisenmodus.

  5. 5. Rechnen Finanzmärkte schon mit dem Ende der Corona-Krise? (31. März 2020)

    Wenn man sich die Entwicklung der Corona-Neuinfektionen ansieht, dann zeichnet sich seit dem Wochenende ein leichter Hoffnungsschimmer ab. In vielen Ländern, in denen massive Eingriffe in das gesellschaftliche Leben vorgenommen wurden, steigen die Neuinfektionen im Vergleich weniger stark an. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wäre das auch für die Aktienmärkte eine wichtige Botschaft. Und die reagierten bereits heute entsprechend: Der DAX stieg zum Handelsstart über die Marke von 10.000 Punkten.

    An den Finanzmärkten könnte sich sehr schnell die Meinung durchsetzen, dass der Alptraum Corona in der westlichen Welt ein absehbares Ende hat. Auch die schwachen Wirtschaftsdaten für das erste und zweite Quartal würden ihre Schrecken verlieren. Der Konjunktureinbruch käme den Finanzmärkten auf einmal zeitlich eingrenzbar vor. Die Korrektur der Wachstumsprognosen auf bis zu minus 20 Prozent für Deutschland würde dann irrelevant. Denn dann steht nur noch die Frage im Raum, wie schnell sich die Weltwirtschaft erholt – und nicht mehr, wie viel sie noch an Fahrt verliert.

    Doch Achtung: Selbst wenn die Zahl der Neuinfektionen in Europa deutlicher sinken sollte und der Lockdown aufgehoben würde, bliebe der Weg zurück zur Normalität ein langer. Zumal eine zu große Sorglosigkeit eine zweite Pandemie-Welle auslösen könnte. Insbesondere die USA mit massiv ansteigenden Infektionszahlen stehen hier im Fokus. Und der parallel verlaufende exorbitant hohe Anstieg bei den Anträgen auf Arbeitslosenhilfe könnte ein erster Vorbote der tiefen Krise sein, die den Vereinigten Staaten droht.

    In Europa dagegen könnten über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum staatliche Rettungsaktionen Wunder bewirken. Denn zurzeit bedarf die Fiskalpolitik keiner klassischen Rezepte. Es geht nicht darum, die Nachfrage anzukurbeln, sondern darum, den Unternehmen bei der Bewältigung der laufenden Kosten zu helfen und damit ihr Überleben zu sichern.

    Wenn sich die Zeichen eines Abebbens der Pandemie tatsächlich verdichten sollten, raten wir Anlegern, in kleinen Schritten (etwa über einen Sparplan) zu investieren. Das sollte sich längerfristig auszahlen, weil wir unverändert von deutlich anziehenden Kursen nach Überwindung der Corona-Krise ausgehen, wenn diese möglicherweise auch nicht V-förmig ausfällt. Der Anstieg sollte langsamer vonstattengehen als der Abstieg. Die Branchen Gesundheit und Technologie dürften dabei großes Potenzial haben.

  6. 6. „EZB kann keinen Turnaround bewirken“ (12. März 2020)

    Der Glaube an die Wirkung der Geldpolitik im aktuellen Umfeld erscheint wie die Sehnsucht nach der guten alten Zeit – als die Notenbanken mit einem Greenspan- oder einem Bernanke-Put noch die Welt retteten. So konnten Zinssenkungen den Aktienmarktcrash von 1987 sehr schnell heilen. 2008 konnten die Notenbanken weltweit unter Führung der FED letztendlich sogar das Weltfinanzsystem vor dem Untergang bewahren. Und Mario Draghis „whatever it takes“ in 2012 war dann schließlich die europäische Ausprägung.

    Doch das hilft heute alles nicht mehr weiter. Beim Coronavirus handelt es sich um einen Angebots- und Nachfrageschock, den die Notenbanken nicht wirklich beeinflussen können. Sie können globale Wertschöpfungsketten nicht retten oder heilen, und sie bringen auch keine Konsumenten in die Reisebüros, um Pauschalurlaube zu buchen. Es wäre grob vermessen, darauf zu setzen, dass Notenbanken aktuell mit ihrer Geldpolitik eine stabilisierende Wirkung auf Finanzmärkte und Wirtschaftsräume ausüben können. Das hat bereits die außerplanmäßige US-Leitzinssenkung vom 3. März gezeigt, die die gewünschte Wirkung völlig verfehlt hat. Das hat die EZB begriffen und ihre Leitzinsen heute unverändert gelassen. Dagegen verkündete sie ein Maßnahmenpaket, um den Banken und Unternehmern als Kreditnehmern unter die Arme zu greifen.

    Das alles ist nicht falsch. Aber anders als früher sind Notenbankmaßnahmen aktuell nur schmückendes Beiwerk, das keinen Turnaround bewirken kann. Die klassische Geldpolitik ist damit nicht am Ende– aber sie ist derzeit einfach nicht das richtige Mittel.

    Heute ist die Fiskalpolitik gefordert, also die Regierungen oder die EU-Kommission. Die Bundesregierung geht mit ihren Regelungen zum Kurzarbeitergeld schon in die richtige Richtung. Auch die Aussetzung von Steuerzahlungen, vorübergehende Liquiditätshilfen oder eine Unterstützung bei Krediten könnten helfen. Dann müssten aber alle Maßnahmen auf europäischer Ebene gebündelt und koordiniert werden und sich nicht im „Kleinklein“ auf nationaler Ebene verlieren.

    Die EZB ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin bemüht.

  7. 7. „Der geldpolitische Anker sitzt tief“ (23. Januar 2020)

    Die Europäische Zentralbank hat heute wie erwartet nichts am Zinsniveau verändert. EZB-Chefin Christine Lagarde kommt aus dem geldpolitischen Rahmen ihres Vorgängers Mario Draghi nicht so schnell heraus. Der geldpolitische Anker sitzt so tief, dass ihr nichts anderes übrig bleibt als die lockere monetäre Gangart fortzusetzen.

    Zwar machten die jüngsten ZEW-Daten für Deutschland Hoffnung, dass es möglicherweise doch zu einer schnelleren geldpolitischen Wende kommen könnte.

    Wenig wachstumsförderlich wirken sich allerdings die jüngsten Äußerungen von US-Präsident Trump aus: Europa sei schwieriger als China, daher wolle er zuerst mit China über handelspolitische Themen sprechen. In die gleiche Kerbe – wenngleich auch aus einer ganz anderen Richtung – schlägt die Ausbreitung des chinesischen Corona-Virus. Sicherlich wäre es zum aktuellen Zeitpunkt vermessen, die weltweiten Wachstumsprognosen deshalb anzupassen. Doch eines steht fest: Die Risiken sind zuletzt wieder gewichtiger geworden und dämpfen die Chancen für eine Wachstumsbeschleunigung.

    Die EZB wird daher ihren Lockerungs-Bias beibehalten: Sie steht also Gewehr bei Fuß und wird handeln, sobald es die Situation erfordert. Wir rechnen allerdings vorerst nicht mit weiteren zinspolitischen Maßnahmen. Die Währungshüter aus Frankfurt werden sich wohl eher die Bundesregierung vorknöpfen und mehr öffentliche Ausgaben fordern. In den laufenden Diskussionen im Rahmen ihrer Strategieüberprüfung könnte die EZB außerdem ein symmetrisches Inflationsziel in den Vordergrund rücken – ähnlich wie in den USA. Die Teuerung dürfte dann nach einer Phase der Zielverfehlung auch mal eine längere Zeit über dem Ziel liegen.

    Zuletzt aufgekommene Markterwartungen über eine mögliche frühere Zinswende dürften wieder völlig ausgepreist werden.

  8. 8. „2020: Plus 10 Prozent beim DAX sind möglich.“ (27. Dezember 2019)

    Die jüngste Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie die einigermaßen klaren Brexit-Fronten nach den britischen Unterhauswahlen haben die Konjunkturerwartungen wieder aufgehellt. Vor diesem Hintergrund konnte der DAX in diesem Jahr eine auf den ersten Blick überragende Performance verzeichnen. Über 20 Prozent Zuwachs stehen zu Buche. Doch das Bild täuscht, da letztlich nur die Verluste aus dem Vorjahr ausgeglichen wurden. Betrachtet man die DAX-Performance der letzten zwei Jahre, liegt diese bei mehr oder weniger null Prozent.

    Für 2020 besteht somit das Risiko, dass die positiven Erwartungen bereits in 2019 verfrühstückt sind. Was ist also die Story für 2020 oder zumindest für das erste Halbjahr der neuen Dekade?

    Das Wachstum im gesamten Euroraum wird 2020 zwar anziehen, aber letztlich schwächlich bleiben. Der Inflationsdruck wird kaum zunehmen. In diesem Umfeld wird sich die EZB zinspolitisch in 2020 nicht bewegen und auch für 2021 keine Zinsanhebungen andeuten. Auch vom amerikanischen Aktienmarkt wird möglicherweise kein Rückenwind kommen. In Präsidentschaftswahljahren waren die US-Aktienmärkte bis zur Wahl im November oftmals unentschlossen. Eine Besonderheit stellt allerdings das nun eingeleitete Impeachment-Verfahren dar – ob hiervon eine, möglicherweise auch nur kurzfristige Belastung ausgeht, bleibt abzuwarten.

    Und dennoch bleiben wir optimistisch. Die Konjunkturrisiken sind eher positiv. Das hängt zum einen mit den sehr mäßigen Prognosen zusammen. Zum anderen hat in der Vergangenheit der DAX die deutsche Investitionstätigkeit treffsicher vorausgesagt. Wenn das am aktuellen Rand wieder zuträfe, würde die Konjunktur die mäßigen Erwartungen klar übertreffen. Das Wachstum könnte also stärker anziehen als bisher prognostiziert. In diesem Szenario würden sich Anleger von Anleihen trennen und aufgrund einer sich aufhellenden Konjunkturperspektive verstärkt in Aktien gehen. Ein Plus von mehr als 10 Prozent beim DAX wäre dann möglich.

  9. 9. „Christine Lagarde ist mehr Politikerin als Zentralbankerin“ (12. Dezember 2019)

    Große geldpolitische Entscheidungen konnte die EZB unter ihrer neuen Präsidentin Christine Lagarde heute nicht treffen. Dafür hatte der Altpräsident Draghi im September das Korsett mit seinem Zinslockerungsbeschluss und der Neuauflage breiter Anleihekäufe zu eng geknüpft. Ein Ausbrechen aus diesem Rahmen scheint auch für lange Zeit – möglicherweise bis übernächstes Jahr – ­nicht möglich zu sein.

    Dennoch brodelt es innerhalb der EZB. Frau Lagarde hat in ihrer noch jungen Amtszeit bereits zwei große Themen angestoßen:

    Zum einen plant sie eine Überprüfung der EZB-Strategie. Dabei geht es um die mögliche Neudefinition des Inflationsziels und ob in diesem Zusammenhang die zweite Säule der geldpolitischen Strategie – die monetäre Analyse – aufgegeben werden soll.

    Letzteres wäre allerdings ein heftiger Affront, weil die monetäre Analyse gerade in den ehemaligen DM-Block-Ländern noch viele Anhänger hat.

    Zum anderen möchte Frau Lagarde den Klimawandel als Thema in der EZB-Politik verankern.

    Mit einer impliziten oder auch expliziten Ausrichtung der EZB-Geldpolitik am Klimawandel (z.B. beim Ankauf von Anleihen im Rahmen des aktuellen QE-Programms) würde sie bei vielen Ökonomen auf heftigen Widerstand stoßen. Und das, obwohl niemand widersprechen würde, dass Klimaveränderungen in die wirtschaftlichen Prognosen einfließen müssten.

    Es wird bereits jetzt ersichtlich, dass Frau Lagarde ihre Rolle als EZB-Präsidentin wahrscheinlich mehr als Politikerin und weniger als Zentralbankerin ausfüllen wird. Sie ist bei ihrer grünen Offensive in den letzten Wochen ruhiger geworden und hat auch richtig erkannt, dass die EZB eine immense Verantwortung hat. Es bleibt zu wünschen, dass sie die von ihr kürzlich zitierte Redensart: „Das Vertrauen kommt zu Fuß, aber verschwindet bisweilen auf Pferden“ selbst beherzigt.

    Zentralbankpolitik ist kein schnelllebiges politisches Geschäft, das Modetrends folgt, sondern bedarf einer großen Gelassenheit und einer stabilen Verankerung in langfristig festgelegten Regeln. Wenn sie sich daran hält, wäre sie als Politikerin an der Spitze einer Zentralbankbehörde sicherlich eine willkommene Bereicherung. Die Premiere der neuen EZB-Präsidentin ist schon mal gelungen.

  10. 10. „Weg für abermalige Zinswende geebnet“ (30. Oktober 2019)

    War das wirklich notwendig? Die FED hat heute erwartungsgemäß noch einmal die Zinsen gesenkt. Und das obwohl sich bereits seit geraumer Zeit interner Widerstand gegen die geldpolitische Richtung regt. Möglicherweise haben Amerikas Währungshüter die bereits fest eingepreiste Zinssenkung aber auch nur „durchgewunken“, um unliebsame Marktreaktionen zu vermeiden.

    Doch viel wichtiger ist die Frage: Was kommt jetzt noch? Wird die amerikanische Notenbank im Dezember noch einmal die Zinsen senken – trotz der vielen fundamentalen Argumente, die gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik sprechen?

    • Ein unter Ökonomen und Notenbankern gefürchteter Indikator für eine bevorstehende Rezession ist, wenn die Zinsstrukturkurve invers wird – also die Rendite der 2-jährigen Staatsanleihen höher ist als die der 10-jährigen. Das ist seit kurzem nicht mehr der Fall.
    • Das von der FED bevorzugte Inflationsmaß – die Kernrate für die persönlichen Verbraucherausgaben – ist zuletzt wieder gestiegen.
    • Die US-Arbeitslosigkeit ist weiter gesunken.
    • Der Außenwert des US-Dollars hat nachgegeben, was letztendlich höhere Inflationsraten begünstigt und den Warenexport unterstützt.
    • Auch die Entspannung im Handelskonflikt mit China sollte sich auf die amerikanischen Unternehmen übertragen und ihnen helfen, den Investitionsstau abzubauen. Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass die zuletzt noch gesunkenen US-Stimmungsindikatoren in den kommenden Monaten wieder nach oben zeigen. Das gilt nicht nur in den USA, sondern – auch aufgrund der Fortschritte beim Brexit – in der Euro-Zone.

    Mag sein, dass all diese Argumente noch nicht solide genug sind, um für eine Kehrtwende in der Zinspolitik zu sprechen – zumindest aber sollte es kein „Weiter so“ geben. Geduldiges Abwarten lautet das Gebot der Stunde. Das hat auch den Vorteil, dass die FED nicht wie ein Dackel dem US-Präsidenten hinterher hecheln muss.

    Als abschreckendes Beispiel fungiert hier die Europäische Zentralbank: Bei einem Leitzins von -0,5% kann die EZB im Falle eines Konjunktureinbruchs nicht mehr wirklich nachlegen. Ganz so eng sieht es für die FED zwar noch nicht aus; doch eine alte Faustregel besagt, dass für eine erfolgreiche Rezessionsbekämpfung Luft für Zinssenkungen von mindestens 3 Prozentpunkten vorhanden sein sollten. So sind auch die Ausführungen von US-Notenbank-Präsident Powell zu verstehen. Er könnte heute ganz vorsichtig einer abermaligen Zinswende den Weg geebnet haben.

  11. 11. „Kann Lagarde die Wogen glätten?“ (24. Oktober 2019)

    Es war Mario Draghis letzte Sitzung und sie verlief erwartungsgemäß unspektakulär. Nach acht Jahren sagt der Italiener der Europäischen Zentralbank „Arrivederci“, die Französin Christine Lagarde rückt im November nach. Man darf gespannt sein, wie Draghis Amtszeit historisch bewertet wird – über die Nachhaltigkeit seines geldpolitischen Erbes kann man sicherlich trefflich streiten. Klar ist auf jeden Fall, dass er den Handlungsspielraum seiner Nachfolgerin maximal eng gestaltet hat.

    Eine Zins-Entscheidung wurde in Frankfurt heute nicht getroffen – wichtiger ist jedoch auch, was sich hinter den Kulissen des EZB-Rates abspielt. Dessen Mitglieder hatten zuletzt in nie dagewesener Deutlichkeit gegen die jüngsten Entscheidungen, insbesondere das neue Anleihekaufprogramm, opponiert. Die Kritik am EZB-Chef kommt aus Ländern, die gemeinsam 60 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung und rund 52 Prozent der Bevölkerung hinter sich vereinen.

    Trotz ihrer ausgewiesenen Fähigkeit zur Moderation wird auch Christine Lagarde diesen eisigen Wind zu spüren bekommen. Sie liegt mit Draghi geldpolitisch auf einer Wellenlänge und wird sich daher schwer tun, die Wogen zu glätten.

    Es sei denn, die Konjunktur kommt ihr zu Hilfe: Möglicherweise könnte sich bereits zum Ende des Jahres eine Belebung abzeichnen. Vorausgesetzt, die Entspannung bei den beiden größten Unsicherheitsfaktoren für die Weltwirtschaft, dem Handelskrieg und dem Brexit, setzt sich fort: Dann wäre auch eine anziehende Investitionsbereitschaft vor dem Hintergrund einer ungebrochen starken Konsumneigung nicht auszuschließen. Flankiert würde diese positive Gemengelage zusätzlich von extrem niedrigen Leitzinsen weltweit und gedrückten Rohstoffpreisen. In einem solchen Umfeld sollte es dann nicht verwundern, wenn die Notenbanker spätestens im nächsten Frühjahr wieder einvernehmlich über Zinserhöhungen sprechen anstatt kontrovers über Anleihekaufprogramme zu diskutieren.

  12. 12. „Trump treibt die eigene Notenbank vor sich her“ (18. September 2019)

    Donald Trump hat sie als „naive Dummköpfe“ beschimpft und eine weitere Zinssenkung gefordert – und erwartungsgemäß haben es die amerikanischen Notenbanker wieder getan: Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die FED heute die Zinsen gesenkt.

    Ob es sich beim jüngsten Zinsschritt nur um eine weitere Vorsichtsmaßnahme handelte oder ob die FED tatsächlich einen längerfristigen Zinssenkungstrend verfolgt, ist unklar. Die Notenbanker scheinen sich in dieser Frage nicht einig zu sein. Aber dennoch funktionieren sie schon fast wie eine weisungsbefugte Abteilung des Weißen Hauses.

    Denn egal, was passiert – Trump sitzt gegenüber der FED immer am längeren Hebel. Eskaliert der Zollkonflikt und senkt die FED die Zinsen nicht weiter, kann der amerikanische Präsident die Schuld an der Rezession auf Jerome Powell schieben. Löst sich der Handelskrieg, verbessern sich auch die US-Konjunkturaussichten – und dann kann sich Trump für seine Wirtschaftspolitik feiern lassen.

    Der amerikanische Präsident kann also machen was er will. Die FED nicht: Hätte sie den heutigen Zinsschritt ausgelassen, wären die Märkte unruhig geworden. Und Trump hätte einmal mehr die „dumme Naivität“ der Notenbank kritisiert.

    Kein anderer US-Präsident hat es bislang geschafft, die eigene Notenbank so vor sich herzutreiben.

  13. 13. „Unnötige Zinssenkung, die aber auch keinem schadet“ (31. Juli 2019)

    Erwartungsgemäß hat die FED heute die Zinsen um 0,25 Prozent gesenkt. Aber war das wirklich nötig?

    Was dafür spricht:

    Zweifelsohne schwächt sich die amerikanische Wirtschaft ab. Stimmungsindikatoren wie der US-Einkaufsmanagerindex und der US-Frühindikator geben seit einiger Zeit nach. Die Jahresveränderungsrate der US-Industrieproduktion ist seit Mitte 2018 von einem zyklischen Hoch von über 5 Prozent auf zuletzt 1,3 Prozent kontinuierlich gesunken, Tendenz weiter nachgebend.

    Was dagegen spricht:

    Die US-Wirtschaft gilt immer noch als robust. Einzelhandel und Verbrauchervertrauen präsentieren sich unverändert stabil. Das US-BIP-Wachstum hatte im zweiten Quartal die Erwartungen übertroffen. Die US-Arbeitslosigkeit – ein allerdings nachlaufender Konjunktur-Indikator – ist zuletzt auf einen 50-jährigen Tiefstand gesunken.

    Ohnehin gilt: Im aktuellen Umfeld wirkt sich eine Zinssenkung von 0,25 Prozent nicht auf Investitionsentscheidungen aus. Diese hängen vielmehr von politischen Entwicklungen ab, etwa der wachsenden Sorge um einen ungeregelten Brexit und dem Zollkonflikt zwischen den USA und China.

    Für den als eher vorsichtig geltenden US-Notenbank-Präsidenten Powell dürften dennoch ökonomische Gründe für die Zinssenkung ausschlaggebend gewesen sein. Er hat zumindest ein Signal an die Märkte gesendet.

    Sicher ist, dass die heutige Entscheidung den amerikanischen Präsidenten nicht zufriedenstellen wird. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass Donald Trump den politischen Druck auf die FED und ihren Präsidenten aufrechterhalten und eine weitere Zinssenkungen fordern wird.

  14. 14. „Politische Börsen haben offenbar gar keine Beine mehr“ (27. Mai 2019)

    Europawahl, May-Rücktritt, Welthandelskrieg: Während der Handelskrieg wöchentlich neue Dimensionen erreicht und sich in Europa die politischen Lager am Wochenende teils massiv verschoben haben, zeigen sich die Börsen weitgehend unberührt.

    Die politischen Unwägbarkeiten sind für Anleger offenbar zum Normalzustand geworden, ihre Risiken lassen sich nicht kalkulieren. Und so war es für Investoren in der Vergangenheit oftmals eine gute Entscheidung, diese zu ignorieren.

    Vor allem in den USA und in China stehen die Märkte angesichts der neuen Sanktionen im Welthandelskrieg unter Druck. US-Firmen, die in China produzieren oder mit China Handel treiben, performen seit rund einem Jahr nicht mehr so gut wie in den Jahren zuvor. Doch die Vergangenheit hat gezeigt: Selbst bedeutende Kursverluste wurden in relativ kurzer Zeit wieder aufgeholt. Schwankungen aufgrund politischer Ereignisse sind oft nur kurzfristig zu verzeichnen.

    Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, betrachtet man den globalen geopolitischen Unsicherheitsindex (siehe Grafik): Dieser bewegt sich aktuell auf dem höchsten Niveau seit 20 Jahren, und sein Anstieg war in der Vergangenheit stets ein Garant für erhöhte Aktienvolatilität. Aber das kann für amerikanische Aktien aktuell nur sehr begrenzt festgestellt werden.

    Es scheint so, dass Europawahlen und Handelskrieg die Medien mehr beschäftigen als die Märkte. Die Gelassenheit, die die Börse an den Tag legt, ist schon bemerkenswert. Gelassenheit bleibt somit auch für Anleger das Motto der Stunde.

  15. 15. „ZEW-Index treibt den DAX“ (19. März 2019)

    Der ZEW-Frühindikator, Stimmungsmesser für die Konjunktur in Deutschland, ist zum sechsten Mal in Folge gestiegen – eine gute Nachricht für den DAX. Denn der ist in den vergangenen 20 Jahren stets dem ZEW gefolgt.

    Damit ist der ZEW-Indikator weitaus zuverlässiger für die Prognose der DAX-Entwicklung als so manche Gewinnprognose der Aktienanalysten. Diese rechnen etwa aufgrund der anhaltenden Konjunkturverschlechterung aktuell nur noch mit einem weltweiten Anstieg der Unternehmensgewinne von knapp drei Prozent. Für Deutschland liegen die erwarteten Zuwächse für das laufende Jahr sogar bei fast null.

    Und dennoch steigen seit Jahresbeginn deutsche Aktien – der DAX legt bis heute rund 11 Prozent zu. Wie kann das sein?

    Die Antwort liegt im unterschiedlichen Timing: Unternehmensanalysten warten für die Berechnung ihrer Gewinnprognosen oft erst einmal die Wachstumsprognosen ihrer Kollegen von der Fundamentalanalyse ab. Daher sind die Aktienanalysten mit ihren Prognosen vergleichsweise spät dran. Das Ergebnis: Die Gewinnrevision nach unten ist auch dann noch ein Thema, wenn die Aktienkurse schon wieder steigen.

    Der ZEW-Frühindikator wird monatlich vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ermittelt. Er spiegelt die mittelfristigen Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren wider.

    Schon häufiger kam es in der Vergangenheit vor, dass der ZEW-Index zuverlässig Wendepunkte für die Aktienmärkte voraussagte. Die Korrelation allein für die letzten zehn Jahre beläuft sich auf fast 60 Prozent (siehe Grafik). Der abermalige Anstieg des Indikators stützt also fundamental die Aufwärtsbewegung des DAX ab. Weiteren Rückenwind bekommen deutsche Aktien aktuell von der besseren Stimmung in China. Zwar ist die Substanz für weitere Kursgewinne derzeit eher noch dünn, doch die Tendenz bleibt positiv.

    Die heute parallel zum ZEW-Index veröffentlichte Abwärtsrevision des deutschen BIP-Wachstums durch die Wirtschaftsweisen stört dieses Gesamtbild nicht wesentlich. Schließlich haben die Wirtschaftsweisen ihre Prognosen nur an das Szenario angeglichen, das den Finanzmärkten bereits seit einiger Zeit bekannt ist.

  16. 16. „Der monetäre Schlingerkurs der EZB“ (7. März 2019)

    Nach der FED hat nun auch die EZB ihr geldpolitisches Ruder gewaltig herumgerissen: Eine Zinsanhebung in der zweiten Jahreshälfte 2019 ist vom Tisch. Auch wird es keine Neuauflage des Rentenankaufprogramms geben – schließlich hatten die europäischen Währungshüter dieses erst im Dezember 2018 auslaufen lassen. Ein Neustart nach so kurzer Zeit käme dem Eingeständnis einer groben Fehleinschätzung gleich.

    Stattdessen bietet die Zentralbank den europäischen Banken ein neues milliardenschweres Kreditprogramm an (TLTRO). Damit will EZB-Chef Mario Draghi den Eindruck verhindern, er habe das Abgleiten der europäischen Wirtschaft in eine Rezession mit einer geldpolitischen Straffung begleitet.

    Einen ähnlichen monetären Schlingerkurs war die EZB früher bereits gefahren: 2011 hob sie die Leitzinsen an, nur um ein halbes Jahr später den 2008 begonnen Zinssenkungszyklus fortzusetzen. Was folgte, waren acht weitere Zinsschritte nach unten.

    Die aktuellen Schwenks der Notenbanken in den USA und in Europa demonstrieren pure Panik. Dabei gibt es dafür keinen Grund: Der ewige Hinweis auf geopolitische Risiken verfängt schon lange nicht mehr. Der internationale Handelsstreit könnte schneller als gedacht gütlich beendet sein. Selbst ein dirty Brexit könnte ausfallen.

    In beiden Fällen würde sich die Stimmung in den USA und in Europa sehr schnell drehen, spätestens zur Jahresmitte 2019. Dann würde der jetzt noch so verhaltene Ton der Notenbanker schnell wieder rauer – und die geldpolitische Richtung müsste sich abermals drehen.

    Der Schlingerkurs geht weiter.

  17. 17. „Hoffnung auf positive Überraschungen“ (27. Dezember 2018)

    Ja, die Prognosen für die Märkte sind von Unwägbarkeiten, vor allem im politischen Bereich geprägt. Ja, die Stimmung der Anleger ist schlecht. Und ja: Die Signale der Charttechnik sind tatsächlich katastrophal. Es gibt kaum einen prominenten Aktienindex, der nicht signifikant unter seiner 200-Tage-Linie notiert, oder dessen langfristiger Aufwärtstrend nicht gerissen ist. Und dennoch: Wir glauben, dass das neue Jahr im Verlauf für die Märkte positive Überraschungen bringen wird. Woher wir diesen Optimismus nehmen?

    • Politische Börsen haben immer noch kurze Beine. Das hat sich nicht geändert. Die Unwägbarkeiten rund um Brexit und US-Handelsstreit dürften die Märkte also nicht dauerhaft belasten.
    • Die Stimmung an den Aktienmärkten ist so schlecht, dass man sie schon wieder als Kontraindikation werten kann. Einzig die nur durchschnittliche Aktienvolatilität bremst hier den Optimismus. Hier ist vielleicht noch nicht alles ausgestanden.
    • Die US-Konjunktur läuft gut, das wird sich auch 2019 nicht ändern. Der Euroraum ist zwar im Abschwung, doch Italien, Frankreich und auch Deutschland halten 2019 fiskalpolitisch dagegen. Auch das macht Hoffnung.
    • Optimistisch stimmen uns auch erste Anzeichen einer konjunkturellen Stabilisierung in Deutschland und China. Hier zeigen die entsprechenden OECD Frühindikatoren zur Wirtschaftsentwicklung nicht mehr nach unten. In China dürften zudem Stützungsmaßnahmen dazu beitragen, dass die Wirtschaft im Jahresverlauf 2019 wieder robuster wird.

    Diese jüngsten Bewegungen sind zwar noch sehr vage. Sie werden zu Beginn des neuen Jahres noch kein Ende des Abwärtstrends bringen. Dennoch wecken sie die Hoffnung auf eine bessere Börse im Verlauf des Jahres 2019. Vor diesem Hintergrund sehen wir im späteren Jahresverlauf die Chance auf steigende Aktienkurse, auch weil Aktien nicht mehr teuer sind. Darüber hinaus sind die Investoren höchstens nur noch durchschnittlich investiert, was ebenfalls das Potenzial für steigende Kurse eröffnet.

  18. 18. „Die EZB muss reagieren!“ (11. Dezember 2018)

    Die Wachstumsprognose der Europäischen Zentralbank ist nicht mehr haltbar. Die EZB muss am Donnerstag reagieren und eine realistischere Einschätzung für das Jahr 2019 abgeben – die ursprünglich prognostizierten 1,8 Prozent sollte sie auf 1,3 Prozent reduzieren.

    Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone steht erheblich unter Druck – sowohl durch hausgemachte als auch durch externe Probleme: Immer neue Turbulenzen und Wendungen in der Brexit-Diskussion, Ausnahmezustand in Frankreich, politische Krise in Belgien, ausbleibende Fortschritte für Spaniens Minderheitsregierung, Italiens Budgetstreit mit Brüssel.

    Dazu kommt die weltweite Konjunkturabschwächung durch den Handelsstreit mit China, dessen Wirtschaft zudem unter der Eindämmung einer exzessiven Verschuldung leidet. Weder für die internen noch die externen Schwierigkeiten lassen sich schnelle Lösungen herbeizaubern.

    Diese konjunkturellen Abwärtsrisiken muss die EZB stärker in den Vordergrund stellen. So würde sie die Märkte in ihrer aktuellen Einschätzung bestätigen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt im kommenden Jahr immer niedriger wird.

    Eine weniger restriktive Geldpolitik war in der Vergangenheit für die Aktienmärkte immer ein positives Signal. Dieses Mal könnte es anders sein. Die EZB muss ihren geldpolitischen Kurs korrigieren, weil ihr Konjunkturaufschwungsszenario nicht wie erwünscht eingetreten ist. An den Aktienmärkten, die zurzeit negative Meldungen förmlich aufsaugen, könnte es nochmals zu einer Abwärtsbewegung kommen – ähnlich wie in den USA. Hier konnte eine vorsichtiger argumentierende FED die Aktienmärkte auch nicht beruhigen.

  19. 19. „Midterms ergeben optimale Konstellation für Kapitalmärkte“ (7. November 2018)

    Die Wachstumsprognose der Europäischen Zentralbank ist nicht mehr haltbar. Die EZB muss am Donnerstag reagieren und eine realistischere Einschätzung für das Jahr 2019 abgeben – die ursprünglich prognostizierten 1,8 Prozent sollte sie auf 1,3 Prozent reduzieren.

     

    Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone steht erheblich unter Druck – sowohl durch hausgemachte als auch durch externe Probleme: Immer neue Turbulenzen und Wendungen in der Brexit-Diskussion, Ausnahmezustand in Frankreich, politische Krise in Belgien, ausbleibende Fortschritte für Spaniens Minderheitsregierung, Italiens Budgetstreit mit Brüssel.

     

    Dazu kommt die weltweite Konjunkturabschwächung durch den Handelsstreit mit China, dessen Wirtschaft zudem unter der Eindämmung einer exzessiven Verschuldung leidet. Weder für die internen noch die externen Schwierigkeiten lassen sich schnelle Lösungen herbeizaubern.

     

    Diese konjunkturellen Abwärtsrisiken muss die EZB stärker in den Vordergrund stellen. So würde sie die Märkte in ihrer aktuellen Einschätzung bestätigen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt im kommenden Jahr immer niedriger wird.

     

    Eine weniger restriktive Geldpolitik war in der Vergangenheit für die Aktienmärkte immer ein positives Signal. Dieses Mal könnte es anders sein. Die EZB muss ihren geldpolitischen Kurs korrigieren, weil ihr Konjunkturaufschwungsszenario nicht wie erwünscht eingetreten ist. An den Aktienmärkten, die zurzeit negative Meldungen förmlich aufsaugen, könnte es nochmals zu einer Abwärtsbewegung kommen – ähnlich wie in den USA. Hier konnte eine vorsichtiger argumentierende FED die Aktienmärkte auch nicht beruhigen.

  20. 20. „Zum Crash wird es nicht kommen“ (29. Oktober 2018)

    Die Aktienmärkte sind weltweit unter Druck. Die Risiken – vor allem die politischen – sind vielfältig: Die umstrittene Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump und die gleichzeitige Überhitzungsgefahr für die amerikanische Wirtschaft, das Ringen um den Brexit, das Italien-Risiko für die Europäische Währungsunion und ein möglicher Wachstumsabschwung in China tragen zur Unsicherheit der Investoren bei.

    Darüber hinaus werden die Konjunkturprognosen zusammengestrichen. Zwar ist die Weltwirtschaft unverändert auf Wachstumskurs, doch der verliert an Kraft. Vor allem in Europa, im Emerging Market-Raum und hier insbesondere in China sind die Zeiten des beschleunigten Wachstums vorbei. Lediglich in den USA scheint das Bild noch unbeschadet, hier hilft vor allem die US-Steuerreform.

    Doch richtig kritisch wird es für die Aktienmärkte erst dann, wenn die Inflation in den USA überraschend steigen und/oder sich die Konjunktur in den USA oder in China massiv abschwächen würde. Dies ist allerdings derzeit nicht zu erwarten. Nach unserer Einschätzung wird es in absehbarer Zeit nicht zum viel befürchteten Crash kommen, sondern bei einer massiven Korrektur bleiben.

    Diese Phase kann jedoch noch länger andauern. Denn zum einen müssen die Aktienmärkte den Zinsnormalisierungsprozess, der in den USA im vollen Gang ist, noch richtig einordnen. Zum anderen liegen die aktuellen Notierungen der wichtigsten Aktienindizes inzwischen alle unter ihren 200-Tage-Linien – ein klares Signal zum Verkaufen.

    Die Kurse können weltweit also durchaus noch weiter nachgeben, möglicherweise bis Ende November. Bis dahin sind in den USA die von den Märkten mit Spannung erwarteten Mid-Term-Wahlen gelaufen. Außerdem sollte bis dahin klar sein, ob Amerika und China beim G20-Gipfel Fortschritte zur Überwindung ihres Zollkonflikts erzielt haben oder nicht.

  21. 21. „FED kündigt vorsichtig das Ende der Zinserhöhungen an“ (26. September 2018)

    Die US-Notenbank FED hat ihren Leitzins erwartungsgemäß von 2 auf 2,25 Prozent angehoben. Damit liegt er zwar erstmals wieder knapp oberhalb der US-Kerninflationsrate, ist aber immer noch historisch niedrig.

    Seit rund drei Jahren steht die amerikanische Notenbank für eine Geldpolitik, die zaghaft und bedächtig in Richtung Zinsnormalisierung führt. Davon scheint sie heute ein wenig abzurücken, denn sie hat erstmals seit 2015 den Begriff „accomodative“ aus ihrer geldpolitischen Strategiebeschreibung gestrichen. Ist die FED also von der starken US-Wirtschaft überzeugt genug, um insgesamt etwas mutiger zu werden? Wir sagen nein. Es könnte der erste Hinweis darauf sein, dass die Zinsanhebungen in 2019 zu Ende gehen. Dazu passt auch, dass die FED für 2021 von einem schwächeren Wachstum für die US-Wirtschaft ausgeht.

  22. 22. „ifo-Prognose: Aktienmärkte sind skeptischer als Konjunkturforscher“ (6. September 2018)

    Laut ifo Konjunkturprognose wächst die deutsche Wirtschaft im laufenden und im kommenden Jahr um 1,9 Prozent. Nachdem das ifo Institut im Juni seine Wachstumsprognose deutlich von 2,6 auf 1,8 Prozent heruntergeschraubt hatte, ist die aktuelle Korrektur aber nur Kosmetik. Zumal die Münchner Wirtschaftsforscher für 2020 auch von einer allmählich abschwächenden Konjunktur ausgehen.

    Die Aktienmärkte hatten sich ohnehin schon deutlich früher skeptisch gezeigt als die ifo-Ökonomen. Seit dem 23. Januar liegt der DAX mit mehr als 11 Prozent im Minus, während der amerikanische S&P 500 gut 8,5 Prozent zulegen konnte (in Euro, inkl. Dividenden).

    Neben der Zollthematik spielt vor allem die Gewinnentwicklung in den Unternehmen eine gewichtige Rolle: Lagen die Gewinnprognosen für die USA und Deutschland zu Beginn des Jahres mit 10 Prozent ungefähr gleichauf, haben sich die tatsächlichen Zuwächse in den USA mit über 20 Prozent mehr als verdoppelt. In Deutschland sowie auch in der Eurozone hingegen wachsen die Unternehmensgewinne mit 7 Prozent deutlich geringer als erwartet.

    Auch wenn die Wirtschaftsforscher vom ifo Institut etwas optimistischer in die Zukunft blicken, bleibt die Gesamtstimmung an den Aktienmärkten verhalten. Der DAX startet auch heute wieder mit einem klaren Minus. Der anhaltende Rückgang beim OECD-Frühindikator und beim Einkaufsmanagerindex für Deutschland spricht ebenfalls eine eher ernüchternde Sprache. Daran wird auch die ifo-Prognose nichts ändern.

    Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die US-Wirtschaft weiterhin robust zeigt. Der jüngste US-Einkaufsmanagerindex hat entgegen den Erwartungen im August noch einmal zugelegt. Insofern steht einer weiteren US-Zinserhöhung im September nichts entgegen. Der US-Dollar dürfte in diesem Szenario weiter an Stärke gewinnen. Das wäre dann endlich auch eine gute Nachricht für den DAX.

  23. 23. „Die FED macht alles richtig und dämmt die Inflationsängste.“ (11. Juni 2018)

    Die amerikanische Notenbank wird in dieser Woche die Zinsen erhöhen – das scheint ausgemachte Sache. Der Schritt wird von allen Marktteilnehmern schon seit langem erwartet – und es wird nicht die letzte Zinsanhebung in diesem Jahr sein.

    Fakt ist: In den USA läuft die Konjunktur derzeit mehr als rund. Und die Stimmungsindikatoren deuten darauf hin, dass das auch noch länger so bleibt. Das Verbrauchervertrauen ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr und die Arbeitslosigkeit so niedrig wie zuletzt vor 50 Jahren. Nach aktuellen Prognosen wird das amerikanische Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um satte 2,75 Prozent zulegen.

    Viele Marktteilnehmer erwarten trotz dieser guten Ausgangslage einen baldigen Konjunkturabschwung. Sie argumentieren mit der Zinsstrukturkurve, die den Renditeunterschied von Anleihen mit langer und kurzer Restlaufzeit beschreibt. Wird dieser Unterschied – wie aktuell – sehr gering, kann dies der Vorbote für eine Rezession sein. Hinzu kommt: Inflationsfrei wächst die US-Wirtschaft nur bei einem Wachstum von maximal 2 Prozent.

    Wir teilen die Sorgen vieler Marktteilnehmer ausdrücklich nicht. Die US-Konjunktur läuft derzeit derart stabil, dass wir die Gefahr einer Konjunktur-Überhitzung deutlich höher einschätzen als die einer Rezession. Insofern macht die FED alles richtig. Denn eine Zinserhöhung dämmt die Inflationsängste ein, und die US-Wirtschaft kann unverändert auf Wachstumskurs bleiben.

  24. 24. „Die EZB muss sich alle Optionen offen halten.“ (26. April 2018)

    Es war absehbar, dass die EZB heute keine klare geldpolitische Linie für die Zukunft vorgibt. Daran wird sich bis zum nächsten Sitzungstermin im Juni wahrscheinlich auch nichts ändern. Die EZB muss sich alle Optionen offen halten, und das möglichst für einen langen Zeitraum. Die jüngste Reihe schwächerer Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren im Euroraum lassen den Konjunkturausblick seit einigen Wochen eingetrübter erscheinen.

    Zudem schwelen der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie die weiterhin völlig ungeklärte geopolitische Konstellation in Syrien. Einerseits droht in beiden Fällen jederzeit eine Eskalation, andererseits tangieren solche Krisenszenarien die Märkte oft nur kurzfristig – wie etwa beim Luftangriff durch die USA auf Syrien. Die Medien hatten einen drohenden neuen Weltkrieg ausgerufen, aber die Börsen beruhigten sich schnell wieder.

    Auch die Auseinandersetzung der USA mit dem Rest der Welt um neue Zollbarrieren scheint sich aktuell wieder zu entspannen. Aber selbst wenn politische Börsen kurze Beine haben und die EZB lediglich eine „Wetterberuhigung“ abwarten muss: Der sich anbahnende Konjunkturabschwung in der Eurozone kann der Zentralbank Schwierigkeiten bereiten.

    Noch lassen sich solche Bedenken kaschieren: Das Niveau der Stimmungsindikatoren ist immer noch vergleichsweise hoch. Einige negative konjunkturelle Sondereffekte der letzten Wochen sind ausgestanden – so sorgten die Grippe- und Kältewelle in Deutschland etwa für Einbrüche bei der deutschen Produktion. Das Gesamtbild erscheint wieder aufgehellt.

    Sollten die Stimmungsindikatoren bis zum Frühsommer allerdings weiter nachgeben, müsste Mario Draghi seine bisherige Rhetorik überdenken. Zwischen dem Auslaufen des Anleiheankaufprogramms und der ersten Zinsanhebung könnte dann ein sehr langer Zeitraum liegen.

  25. 25. „Das Fahrwasser für die FED verändert sich" (21. März 2018)

    Eigentlich konnte der neue Chef der amerikanischen Notenbank FED, Jerome Powell, in seiner ersten Sitzung heute nicht viel falsch machen. Er setzte lediglich den geldpolitischen Kurs seiner Vorgängerin fort – und das war gut so.

    Doch die Zeiten, in denen sich quasi mit Zirkel und spitzem Bleistift am Reisbrett ausrechnen ließ, wie viele Zinserhöhungen noch folgen werden, sind vorbei. Das Fahrwasser für die FED verändert sich: Die Aktienhausse ist weltweit brüchig geworden. Auch mehren sich die Anzeichen für eine Abschwächung des weltweiten Konjunkturaufschwungs.

    US-Präsident Trump verfolgt zwar die im Wahlkampf vorgezeichnete Linie, diese wird allerdings in vielen Kreisen wirtschafts- und außenpolitisch als problematisch eingestuft. Außerdem geht weltweit das größte geldpolitische Experiment der letzten 50 Jahre – die quantitative Lockerung – zu Ende. Und das bedeutet für Notenbanker und Finanzmarktakteure risikoreiches Neuland.

    Die US-Notenbank muss sich auf diese veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Deshalb tut sie gut daran, sich möglichst flexibel zu äußern und sich bezüglich der Anzahl der Zinsanhebungen alle Optionen offen zu halten.

    Das bedeutet aber auch: Die FED kann den Finanzmärkten keine glasklare Guidance anbieten. Also bleibt auch diesbezüglich alles wie gehabt.

  26. 26. „Stabwechsel an der FED-Spitze ist kein Grund zur Beunruhigung" (31.1.2018)

    Der US-Aktienmarkt steht auf Rekordniveau, die US-Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie fast noch nie in diesem Jahrhundert, und das US-Wachstum scheint erstmals nach der Überwindung der Finanzmarktkrise wieder stabil. Anscheinend hat die scheidende US-Notenbank-Präsidentin Janet Yellen in ihrer Amtszeit alles richtig gemacht.

    Ihr Nachfolger Powell tut gut daran, den geldpolitischen Kurs der graduellen Zinserhöhung mehr oder weniger unverändert fortzusetzen. Das ist auch das wahrscheinlichste Szenario. Denn Yellen und Powell gelten beide als sogenannte Tauben unter den Notenbankern, also Menschen, die nur zu behutsamen geldpolitischen Entscheidungen neigen.

    Der größte Unterschied im Führungsstil könnte darin bestehen, dass unter Powell wieder nach jeder FED-Zinssitzung eine Pressekonferenz stattfindet. Dadurch wäre mehr Flexibilität möglich. Denn ohne Pressekonferenz, so das ungeschriebene Gesetz, gibt es keine Zinsveränderung. Mehr Informationen schaden nie, insofern wären das gute Nachrichten für die Finanzmärkte. Der Stabwechsel an der Spitze der amerikanischen Notenbank ist insofern für die Börsen kein Grund zur Beunruhigung.

  27. 27. „Die EZB muss die Finanzmärkte jetzt vorbereiten!" (25.1.2018)

    Es wird für Mario Draghi immer schwieriger, die nach wie vor sehr lockere Geldpolitik der EZB zu rechtfertigen: Die Wirtschaft im Euroraum wächst so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Nachdem der IWF seine Wachstums-Prognosen für den Euro-Raum so deutlich nach oben korrigiert hat und auch die aktuellen Stimmungsindikatoren weiterhin für einen anhaltenden Konjunkturaufschwung sprechen, ist das Abwarten der EZB kaum noch nachvollziehbar.

    Sicherlich konnte Mario Draghi von seiner Aussage, bis zum Herbst Staatsanleihen zu kaufen, schwerlich abrücken. Diesen Spagat kann er aber nur noch kurzfristig durchhalten: Wir gehen davon aus, dass er spätestens auf der nächsten Sitzung im März seine Kommunikation neu ausrichten wird. Denn je länger er wartet, desto mehr können dann schon kleinste Änderungen im Wortlaut zur Ausrichtung der Geldpolitik zu ungewollten Reaktionen an den Finanzmärkten führen.

    Auch unter einem anderen Aspekt beginnt die Zeit zu drängen: Trotz anderslautender Bekundungen glauben die Investoren in Japan immer weniger daran, dass die japanische Notenbank ihre extrem lockere Geldpolitik über den Herbst hinaus verlängern kann. Die EZB sollte deshalb die Finanzmärkte darauf vorbereiten, dass möglicherweise ab Herbst alle drei großen Notenbanken – die US FED, die japanische BOJ und eben auch die EZB – in einen Zinsnormalisierungsmodus eingeschwenkt sind. Darauf müssen die Finanzmärkte vorbereitet werden. Die Investoren wollen auch wissen, wie der Zinsanpassungspfad im Detail aussehen könnte.

    Die US-Notenbank FED hat es vorgemacht: Das Ende ihrer Nullzinspolitik war auch deshalb so effektiv, weil andere Notenbanken zu diesem Zeitpunkt in ihrer expansiven Geldpolitik nochmals richtig nachgelegt haben.

  28. 28. „Sorglosigkeit der Anleger ist pures Kalkül“ (27.12.2017)

    Die Schwankungsanfälligkeit von Aktien ist derzeit sehr niedrig, das gilt als sicheres Zeichen für eine besondere „Sorglosigkeit“ der Anleger. Doch an der Börse ist es wie im richtigen Leben: Wer sich keine Sorgen macht, den können unvorhergesehene Tiefschläge besonders treffen. Deshalb sehen viele Experten niedrige Volatilitäten an der Börse als Alarmsignal: Denn ein unerwartetes negatives Ereignis kann die Aktienvolatilität schlagartig nach oben treiben und an den Märkten zu großen Kursverlusten führen.

    Aber sind die Anleger wirklich zu sorglos? Die Weltkonjunktur hat sich in der zweiten Jahreshälfte 2017 deutlich besser entwickelt als die meisten vermutet hatten. Die konjunkturellen Frühindikatoren deuten auch für das erste Halbjahr 2018 keine Veränderung in der Großwetterlage an. In Deutschland steht der Ifo-Index auf einem historischen Hochpunkt, und die Arbeitslosigkeit hat seit der Wiedervereinigung einen historischen Tiefstand erreicht, Tendenz weiter fallend. Diese Traum-Konstellation ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg einmalig.

    Und tatsächlich gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Volatilität der Aktienmärkte und der ökonomischen Gesamtsituation – gemessen etwa an der Entwicklung des Ifo-Index und der Arbeitslosigkeit. Verbessert sich die Konjunkturlage, sinken die Sorgen der Anleger, die Volatilität fällt.

    Eine niedrige Aktienvolatilität ist für uns deshalb auch kein Alarmsignal – wir sehen darin vielmehr das pure rationale Kalkül der Anleger. Der konjunkturelle Hochpunkt drückt die Volatilität an ihren Tiefpunkt.

  29. 29. „Wirtschaft wächst auch im politischen Vakuum“ (23.11.2017)

    In Deutschland droht ein politisches Vakuum – und das vielleicht für eine längere Zeit. Andere Länder kennen diese Situation bereits: 209 Tage brauchte es in den Niederlanden nach der Wahl, bis die neue Regierung stand. In Spanien 315 Tage und in Belgien sogar 541 Tage. Betrachtet man – in einem natürlich verengten Blick – ausschließlich die Entwicklung der Wirtschaft und der Börsen, dann ist ein solches Vakuum gar nicht so schlecht.

    Denn auch ohne voll handlungsfähige Regierung kann der Wachstumskurs eines Landes stabil sein. So fiel das niederländische Wachstum während des politischen Vakuums im zweiten Quartal dieses Jahres mit 3,8 Prozent so hoch aus wie seit dem Beitritt zur Währungsunion nicht mehr. Dieser Wert lag klar über dem europäischen Durchschnitt. Auch die niederländische Aktienbörse AEX ließ sich durch das Fehlen einer voll handlungsfähigen Regierung nicht beirren (siehe Chart anbei). Der AEX konnte gegenüber dem europäischen Aktienindex STOXX 600 während dieses Zeitraums sogar outperformen.

    Ähnlich lief es in Spanien ab. Hier fanden im Dezember 2015 Parlamentswahlen statt, eine Regierung wurde nach Neuwahlen aber erst im Oktober 2016 gebildet. In dieser Zeitspanne hatten die spanischen Aktien zwischenzeitlich zwar underperformt, aber im Monat der Regierungsbildung war der Unterschied so gut wie auf null zusammengeschmolzen.

    Wir wollen nicht zu vollmundig behaupten, dass es der Wirtschaft ohne voll handlungsfähige Regierung besser geht. Möglicherweise aber lässt sich ein politisches Vakuum an den Börsen besser durchstehen, wenn die fundamentalen Rahmenbedingungen stimmen – so geschehen in Spanien und den Niederlanden.

    Auch für Deutschland sehen wir nicht die Gefahr, dass die Märkte unter den derzeitigen politischen Unsicherheiten einbrechen. Dafür ist die wirtschaftliche Situation Deutschlands derzeit einfach zu stabil – auch ohne neue Bundesregierung.

    Politisches Vakuum: Aktien leiden nicht. Der Chart zeigt die Entwicklung der niederländischen Börse während der Phase ohne handlungsfähige Regierung 2017. Benchmark ist der europäische Aktienindex STOXX600.

  30. 30. "Jetzt nicht hektisch werden" (26.10.2017)

    Die Europäische Zentralbank hat kein Interesse daran, die Finanzmärkte zu überraschen. Das war auch heute wieder so: Angesichts der anhaltend guten Konjunkturdaten hat Mario Draghi wie erwartet angekündigt, die monatlichen Anleihekäufe ab Januar 2018 deutlich herunterzufahren. Diese Entscheidung impliziert zwar weiterhin nicht die große Kurswende für Anleger, aber Feinanpassungen werden wichtiger.

    Neue Normalität
    Draghis Ziel ist ein behutsamer geldpolitischer Kurswechsel, das so genannte „lower for longer“. Insofern muss jetzt niemand in Hektik verfallen und seine Anlagestrategie komplett in Frage stellen. Für Anleger ist eine Erkenntnis wichtig: Der reale neutrale Zins ist in den vergangenen Jahren gesunken. Lag dieser vor der Finanzmarktkrise bei etwas über zwei Prozent, pendelt er sich heute bei rund einem Prozent ein. Auf diesem Niveau sprechen wir dann auch von der „Neuen Normalität“, einer Geldpolitik, bei der negative Zinsen und Anleiheankäufe noch für einen längeren Zeitraum Standard bleiben werden.

    Aktien bleiben erste Wahl
    Insofern sind in der Geldanlage Aktien weiterhin erste Wahl – nicht zuletzt weil die Firmengewinne auch im kommenden Jahr steigen dürften. Ein Schwerpunkt sollte dabei der Euroraum sein mit dem DAX als prominentesten Profiteur der gut laufenden Weltkonjunktur.

    Behutsame Anpassungen im Portfolio sind jetzt bei den Rentenengagements angeraten: Diese sollten langsam zurückgefahren und etwa durch offene Immobilienfonds ersetzt werden. Angesichts der aktuell niedrigen Inflation ist auch Gold attraktiv. Das wichtigste Gebot bei der Geldanlage ist und bleibt wie immer: Diversifikation. Daran ändert auch Mario Draghi nichts.

  31. 31. "Die FED hat geliefert!" (20.09.2017)

    Die amerikanische Notenbank hat geliefert, wie von ihr erwartet und vor allem wie von der EZB erwünscht. FED-Chefin Janet Yellen hat heute klar gemacht, dass sie ihr Anleiheportfolio abschmelzen wird und sich die Option auf eine Zinsanhebung im Dezember weiter offen lässt.

    Diese Konstellation gibt der EZB Raum, ihre Zinspolitik ebenfalls ganz vorsichtig anzupassen, ohne gleichzeitig eine starke Aufwertung des Euro zu riskieren – zumindest nach Lehrbuchmeinung. Denn wenn es Mario Draghi ernst ist, in 2018 das Anleiheankaufprogramm zu reduzieren, dann wird die Zeit für eine Ankündigung dieser Strategie langsam knapp.

    Und auch in den Wintermonaten und zu Beginn des kommenden Jahres könnte sich das Fenster für einen Schwenk der Notenbankpolitik schließen: Aufgrund der günstigen Basiseffekte bei den Rohstoff- und Lebensmittelpreisen erwarten wir für diesen Zeitraum einen vorübergehenden, aber starken Rückgang bei den europäischen Inflationsraten. Würde die EZB in einem solchen Umfeld auf eine restriktivere Geldpolitik schalten, käme sie in Erklärungsnot – hat sie doch in der Vergangenheit ihre extreme Zinspolitik mit den niedrigen Inflationsraten begründet.

    Beinhalten die FED-Verlautbarungen größere Risiken? Die Renditen sind in den USA höher als in Deutschland und in Japan. US-Anleihen sind also für den internationalen Investor attraktiv, wenn da nicht die Schwäche des US-Dollars wäre. Hier hat die FED heute für Stabilität gesorgt, indem sie klar umrissen hat, wie es geldpolitisch weitergeht. Damit sind US-Titel für die vom Niedrigzins geplagten ausländischen Investoren auch wieder attraktiv.

    Heute war die Tatsache, dass die FED überhaupt etwas angekündigt hat, fast wichtiger als die Frage nach den Details. Jetzt ist sowohl für die amerikanische als auch für die europäische Zentralbank der Weg in Richtung Zinsnormalisierung bereitet – und das ohne größere Risiken für den Wechselkurs. Eine Gelegenheit, die genutzt werden musste.

  32. 32. Draghi hat sich festgelegt (7.09.2017)

    Wie erwartet hat die EZB die Leitzinsen heute unverändert gelassen. Das Thema Zinsnormalisierung blieb im Vagen. Stattdessen folgt die EZB weiter ihrem Leitmotiv von „Geduld“ und „Vorsicht“.

    Denn die Vorbereitung einer Zinsnormalisierung im Euroraum gestaltet sich schwierig. Schon Draghis Rede aus dem Juni, in der er erstmals vorsichtig Bewegungen in Richtung Zinsnormalisierung andeutete, heizte die Euro-Rallye nochmals richtig an und trieb den Euro auf fast 1,20 US-Dollar. Jetzt sind Formulierungen gefragt, die den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik ankündigen, ohne gleichzeitig weiteren Zündstoff für eine erneute Euroaufwertung zu bieten.

    Die Argumente für eine Zinsnormalisierung liegen auf der Hand. Die Wirtschaft im Euroraum wächst in diesem Jahr mit rund 2 Prozent. Der Ausblick bleibt günstig: Viele Stimmungsindikatoren markieren zyklische Hochpunkte oder bewegen sich in dessen Nähe. Auch der Arbeitsmarkt spielt mit. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen unter ihrem langfristigen Durchschnitt, Tendenz weiter sinkend.

    Darüber hinaus sind auch juristische Rahmenbedingungen zu beachten, wie die 33%-Grenze beim Ankauf von deutschen Bundesanleihen. Läuft das Rentenankaufprogramm weiter wie bisher, könnte diese Grenze bereits im Frühjahr 2018 erreicht sein, was die EZB zeitlich unter Druck setzen würde.

    Auf der anderen Seite hat der europäische Süden eine Mehrheit im EZB-Rat und diese Länder haben es nicht eilig. Hier muss Mario Draghi noch einige Überzeugungsarbeit leisten.

    Wichtig ist auch das Signal der Fed: Sie wird erst in rund 14 Tagen darlegen, ob und in welchem Umfang sie Anleihen aus ihrem Bestand wieder in den Markt gibt und ob im Dezember die Zinsen weiter steigen könnten. Nur wenn die FED entsprechende Signale sendet – wovon wir ausgehen – ergeben sich auch für die EZB größere Handlungsspielräume.

    Heute hat sich Draghi festgelegt: Die EZB wird noch im Oktober über den Fortgang des Anleihekaufprogramms entscheiden. Die Kunst wird es sein, eine Zinsnormalisierung verbal einzuleiten, ohne eine weitere massive Aufwertung des Euros zu riskieren.

  33. 33. "Ifo-Index folgt den Finanzmärkten" (25.08.2017)

    Der leichte Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindex bestätigt, was die Finanzmärkte schon seit Wochen einpreisen: Die Risiken durch eine mögliche bevorstehende Konjunkturverlangsamung, den überraschend festen Euro und die weltweit restriktivere Geldpolitik drücken jetzt wohl auch auf die Stimmung der deutschen Unternehmen. Auch die geopolitischen und wirtschaftspolitischen Unsicherheiten durch Donald Trumps Regierungsstil haben dazu beigetragen, dass der Index zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr nach oben zeigt.

    Doch das Gesamtbild bleibt trotz des leichten Rückgangs unverändert: Der Ifo-Geschäftsklimaindex signalisiert für Deutschland ein Wirtschaftswachstum, das fast doppelt so hoch ist wie es von der Konsensus-Schätzung prognostiziert wird. Viele Börsenhändler reagierten darauf bislang eher mit ungläubigem Staunen als mit Konsequenzen in ihrer Handelsstrategie. Überhaupt lassen sich die Finanzmärkte zurzeit nur bedingt von den ökomischen Fakten leiten.
    Wir rechnen damit, dass der Ifo-Geschäftsklimaindex auch in den kommenden beiden Monaten weiter nachgeben wird – vor allem wenn sich die angesprochenen Risiken nicht auflösen lassen. Dagegen wird an den Aktienmärkten der DAX weiterhin bemüht sein, die Marke von 12.000 Indexpunkten zu halten.

  34. 34. "Umsteuern der EZB geht in die nächste Runde – keine negativen Auswirkungen für die Aktienmärkte" (20.07.2017)

    „Mit dem temporären Inflationsargument kaschiert die EZB, dass sie bei der Konjunktureinschätzung behind war. Inzwischen steuert sie nach. Allerdings kommen ihr die wieder zögerlichen Töne der amerikanischen Notenbank nicht gelegen. Die Folge ist ein sich aufwertender Euro. Dabei hatte die EZB eine Doppelbelastung für den europäischen Wirtschaftsraum nicht eingeplant: Höhere Zinsen und Renditen und ein höher bewerteter Euro, das hatte sich die EZB anders gewünscht. Entsprechend vorsichtig trat Draghi in der Pressekonferenz auf. Das vorsichtige Stupsen in Richtung Zinsnormalisierung geht weiter, größere Überraschungen blieben aus.

    Wie geht es jetzt an den Rentenmärkten weiter? Wir sind überzeugt, dass die Renditen in der Eurozone dank des sehr behutsamen Umsteuerns der EZB nur sehr, sehr langsam anziehen werden. Auch in den USA haben die ersten vier Zinsanhebungen aufgrund der überaus defensiven Kommentierung der FED bis heute zu keinen höheren Renditen geführt.

    Für die Aktienmärkte bleiben wir unverändert positiv gestimmt: Weiterhin extrem niedrige Zinsen, günstige Konjunkturerwartungen und kaum vorhandene Inflationsängste sind ein Umfeld, was die Aktienmärkte im Euroraum lieben. Mit einem Durchbruch des Euros durch die massive Widerstandszone zwischen 1,18 und 1,21 rechnen wir nicht. Dafür wird die sehr ausgewogene EZB-Rhetorik sorgen.“

  35. 35. „Ifo-Zahlen täuschen über globales Umfeld hinweg“ (26.07.2017)

    Der Ifo-Index steigt abermals von 114,6 auf 115,1 Punkte – das sorgt für gute Stimmung. Doch in der restlichen Welt sieht das Bild anders aus: Das Umfeld bröckelt. So haben die globalen Einkaufsmanagerindikatoren seit Monaten den Rückwärtsgang eingelegt. Das spricht nicht für eine anhaltende spürbare Belebung der Weltkonjunktur – selbst die sonst so optimistisch klingende OECD wird vorsichtiger und rechnet im kommenden Jahr kaum noch mit einer Wachstumsbeschleunigung.

    Dass der aktuelle Rückgang beim Preisanstieg nur temporär sein soll, ist nicht schlüssig. Wahrscheinlich hat auch die Inflation ihren Höhepunkt überschritten. Und dass die Entwicklung beim Ölpreis passend dazu vor allem mit den hohen Lagerbeständen begründet wird, verdrängt das Argument eines möglichen Konjunkturabschwungs. Aber wenn die Konjunktur stabil ist, warum fällt dann der Goldpreis?

    Die Aktienmärkte werden durch die Ifo-Daten vorerst weiter gestützt, doch den Notenbanken, insbesondere der EZB, hilft das nicht weiter. Denn was nützt die Botschaft, dass die Wachstumslokomotive in der Eurozone weiter liefert, wenn auf der anderen Seite die Zweifel am globalen ökonomischen Umfeld wachsen und der Inflationsdruck nachlässt? Im weiteren Wochenverlauf könnte das Statistische Bundesamt den zweiten Rückgang in Folge bei der deutschen Teuerungsrate verkünden.

    Nachdem sich die politischen Risiken im Jahresverlauf deutlich verringert haben, ist der Fokus jetzt wieder sehr deutlich auf den Makrodaten. Und das Bild ist unklarer als es im Vorfeld der Parlamentswahlen in den Niederlanden, Frankreich und dem Vereinigten Königreich je war. Die Welt wird ungemütlicher, auch wenn der Ifo-Index weiter Stabilität suggeriert.

  36. 36. „Draghis Zögern und die Risiken“ (7.06.2017)

    Das wird wieder schwierig für die Falken – die morgige Sitzung der Europäischen Zentralbank wird denjenigen Ratsmitgliedern, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten, wahrscheinlich wenig Aufwind verschaffen.

    Denn die Inflation im Euroraum ist in einen Sinkflug übergegangen. Daran wird sich auch in den kommenden Monaten nicht viel ändern. Das Preisziel von knapp 2 Prozent scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Deshalb können auch die guten Konjunkturdaten von den Tauben im EZB-Rat leichter weg argumentiert werden.

    Wir gehen daher davon aus, dass EZB-Chef Draghi bei seiner Forward Guidance keine signifikante Anpassung vornehmen wird. Zumal er bis zuletzt noch betont hat, dass ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung immer noch notwendig ist.

    Möglicherweise wird Draghi anders als in der Vergangenheit die sich belebende Konjunktur im Euroraum – sicher zur Freude der Falken – stärker in den Vordergrund stellen. Diese Vorgehensweise würde es ihm erleichtern, gegebenenfalls im Herbst zu verkünden, dass das Volumen der monatlichen Anleihekäufe im kommenden Jahr sinken wird.

    Aber auch hier müsste er sich eigentlich Zurückhaltung auferlegen. Denn falls er seine Formulierungen nicht sehr vorsichtig wählt, könnte das den Euro nochmals treiben – und daran wären nicht einmal die Falken interessiert.

    Insgesamt birgt Draghis Zögern Risiken. Sollte die Konjunktur im Euroraum wieder zur Schwäche neigen, könnte die EZB kaum helfend eingreifen. Ihr Munitionsdepot ist ziemlich leer. Doch das scheint den EZB-Chef weniger zu interessieren.

  37. 37. „Wird Draghi zum Getriebenen?“ (27.04.2017)

    Die heutige Entscheidung der EZB, den Leitzins unverändert zu belassen, überrascht nicht. Denn dass Mario Draghi so kurz vor der Stichwahl in Frankreich seinen lockeren geldpolitischen Kurs ändern würde, war unwahrscheinlich.

    Doch im Kessel brodelt es: Zum einen haben sich die Stimmungsindikatoren für die Eurozone seit der letzten EZB-Zinssitzung entgegen den Erwartungen weiter klar verbessert – sie signalisieren für die Eurozone inzwischen immerhin ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent. Zum anderen haben sich einige der geopolitischen Risiken, die die Konjunkturentwicklung lähmen könnten, abgeschwächt: Die USA sind auf Annäherungskurs – China ist zumindest in Donald Trumps Augen doch kein Währungsmanipulator mehr. Auch das Thema Handelsprotektionismus scheint entschärft. Die Stichwahl um das französische Präsidentenamt am übernächsten Sonntag birgt nur noch wenig Bedrohungspotenzial. Für Nervosität sorgt allenfalls die Situation in Nordkorea.

    Vor diesem Hintergrund dürfte es Draghi immer schwerer fallen, die Falken im EZB-Rat – also diejenigen Mitglieder, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten – ruhig zu halten. Seine Argumente gegen einen geldpolitischen Richtungsschwenk sind vor allem die Gefahr eines stärkeren Euro und schneller als erwartet steigende Renditen an den Rentenmärkten. Schon die Erleichterungs-Rallye an den Devisenmärkten sowie die Kursrückgänge an den Rentenmärkten nach der ersten Abstimmung zur französischen Präsidentschaftswahl gaben der EZB einen Vorgeschmack darauf, was ein Schritt in Richtung Zinsnormalisierung für die Märkte bedeuten würde.

    Und doch: Die Wahrscheinlichkeit, dass die europäischen Währungshüter eher früher als später wieder eine härtere geldpolitische Gangart einlegen, ist gestiegen. Diesen Geist bekommt Draghi wahrscheinlich nicht mehr in die Flasche zurück. Möglicherweise treiben fortan die Märkte die EZB und nicht mehr umgekehrt.

  38. 38. „Worauf wartet die EZB noch?“ (9.03.2017)

    Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinspolitik nicht verändert – wie erwartet. Dabei stellt sich die Frage: Worauf wartet sie eigentlich noch? Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone ist recht robust, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Kreditvergabe steigt. Die Preisentwicklung lässt die EZB aber weiter zögern. Dabei ist das Ziel von Europas obersten Währungshütern – eine Inflation von zwei Prozent – eigentlich erreicht. Doch weil hierbei die stark schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise mit berücksichtigt sind, hat Mario Draghi die Kerninflationsrate im Blick. Diese liegt mit aktuell 0,9 Prozent in den Augen der EZB immer noch zu niedrig. 1,5 Prozent müssten es wahrscheinlich schon sein, damit die Notenbanker bereit sind, ihre Geldpolitik endlich zu ändern.

    Entsprechend vorsichtige Signale hat die Zentralbank gesetzt: Sie hat die Inflationsprognose im Euroraum für das laufende und das kommende Jahr erhöht. Auch wenn Draghi einer Abkehr von der lockeren Geldpolitik nicht das Wort geredet hat, dürfte diese Anpassung die Debatte über einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik eher weiter befeuern. Dazu kommt sein Hinweis, dass die Konjunkturrisiken kleiner geworden sind.

    Damit scheint klar: Die EZB wird geldpolitisch nicht noch einmal nachlegen. Der nächste Schritt wird eine Drosselung der Anleihekäufe (Tapering) sein. Die neue Marschrichtung hätte zwei klare Botschaften:

    1. Die Party an den Rentenmärkten hat ihren Höhepunkt überschritten.
    2. Und die Staatsschulden in Europa bestimmen künftig nicht mehr die Geldpolitik.

    Wann sich Mario Draghi endlich dazu durchringt, das Ende des Taperings zu starten, bleibt vorerst weiter unklar. Vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen in Europa rechnen wir nicht vor September mit klaren Hinweisen zum Timing.

  39. 39. „Fundamentaldaten sind wichtiger als die politische Stimmung!“ (1.03.2017)

    Wieder einmal kommt es anders als erwartet: Obwohl Donald Trump vor dem Kongress konkrete Aussagen zu seiner geplanten Steuerreform schuldig blieb, reagieren die Börsen positiv. Die meisten Analysten hatten für genau diesen Fall Kursverluste vorausgesagt.

    Einig ist sich das Gros der Analysten aber nach wie vor, dass die Märkte im Herbst fallen werden – weil Trump spätestens bis dahin entzaubert sein wird. 30 Prozent der von Sentix befragten Analysten erwarten sogar, dass Präsident Trump seine erste Amtszeit nicht durchstehen wird.

    Es bleibt festzuhalten: Insgesamt wird derzeit weltweit sehr stark auf die Politik geachtet – und viel zu wenig auf die fundamentalen Daten. Denn die Aussichten sind trotz der negativen politischen Stimmung positiv.

    So zeigt der Morgan Stanley-Welthandel-Frühindikator deutlich nach oben. Demnach könnte sich der globale Handel in den kommenden Monaten deutlich erholen, was wiederum ein sehr positives Signal für die Aktienmärkte wäre. Ein Zuwachs von bis zu zehn Prozent ist möglich. Das überrascht gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen über einen zunehmenden Handelsprotektionismus.

    Aufgrund der globalen Konjunkturbelebung, die durch einen Anstieg der Einkaufsmanager-Indikatoren und OECD-Frühindikatoren untermauert wird, zeichnet sich auch eine allmähliche Wende bei den Unternehmensgewinnen ab. Das sollte den Schrecken vor den teilweise hohen Bewertungen nehmen.

    Die Aktien, gemessen im Weltaktienindex MSCI Welt, könnten entgegen den Erwartungen im laufenden Jahr noch deutlich zulegen, insgesamt um rund 20 Prozent. Auch die gestern veröffentlichten US-Konjunkturdaten (Chicago- und Richmond Einkaufsmanagerindex sowie das Conference Board Verbrauchervertrauen) lassen allesamt unverändert auf eine anhaltende Erholung der US-Wirtschaft schließen. In dieses Bild passt auch die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer US-Zinsanhebung im März.

    Rein nach Faktenlage – unter Ausschluss der politischen Risiken – ist der globale Konjunkturausblick also sehr positiv zu werten. Doch schon der ehemalige Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard wusste: „Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie“. Wenn sich alle an Trumps Politik reiben, sinkt die Stimmung, auch an den Märkten. Auch wenn die Fundamentaldaten in eine andere Richtung zeigen.

  40. 40. „Zinsentscheidung wird zur Glaubensfrage für die FED“ (2.02.2017)

    Wie erwartet hat die FED die Zinsen heute unverändert gelassen. Deutlich spannender ist die Frage, was mehr Relevanz für die Entscheidung der US-Notenbank hatte: die US-Fundamentaldaten oder das politische Getöse Trumps?

    Bereits in seiner ersten Amtswoche hat US-Präsident Donald Trump mit seinen Entscheidungen für Aufregung und Empörung gesorgt – auch wenn die Details und die konkreten Folgen für die US-Wirtschaft in vielen Fällen noch nicht absehbar sind. Darüber hinaus hat Trump zu seinen angekündigten Wachstumstreibern wie den geplanten Steuersenkungen und dem Infrastrukturprogramm bislang noch keine Details verlauten lassen. Diese durch Unsicherheit geprägte Nachrichtenlage spricht dafür, mit Zinsanhebungen noch zu warten.

    Erfreuliche Fundamentaldaten sprechen für baldige Zinserhöhung

    Die Fundamentaldaten vermitteln aber eine andere Botschaft: Die US-Konjunktur und insbesondere die US-Stimmungsindikatoren fallen derzeit sehr positiv aus, auch die Unternehmensgewinne entwickeln sich günstig – Argumente für Notenbankchefin Janet Yellen, den nächsten Zinsschritt schon bald zu wagen.

    Bislang war die FED-Chefin dafür bekannt, sich nicht allzu stark durch die Politik beeinflussen zu lassen. Ihre Entscheidungsbasis waren stets die Fundamentaldaten, die aktuell unverändert für drei Zinsanhebungen im Laufe des Jahres sprechen. Das kann sich jetzt ändern. Die nächste Zinsentscheidung der FED wird möglicherweise zu einer Glaubensfrage zwischen ökonomischen Fakten und politischer Ungewissheit.

    Wir denken, dass die FED die erste Zinserhöhung 2017 eher früher als später wagen sollte. Denn auch wenn Trumps Wirtschaftspolitik das Wachstum auf Dauer belastet, könnten dennoch Inflationserwartungen geweckt werden. Eine entsprechende „forward guidance“ könnten die US-Notenbanker schon bald nachreichen.

  41. 41. „Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr in Deutschland zu sprechen“ (12.01.2017)

    Nun hat das Statistische Bundesamt auch offiziell eine „spürbare Beschleunigung“ beim Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende hin bestätigt. Während Ökonomen und Politiker in Deutschland schon wieder die großen Inflationsängste für 2017 schüren, raten wir zur Gelassenheit.

    Tatsache ist: Die Inflationsrate erreichte in Deutschland im Dezember 2016 den höchsten Stand seit 2013. Im Vergleich zum Vormonat hat sich die Jahresteuerungsrate fast verdoppelt, auch im Euroraum zog sie deutlich an.

    Der Anstieg der Inflationsrate in Deutschland und in Europa ist jedoch maßgeblich auf die Entwicklung der Rohstoffpreise, insbesondere der Energiepreise, zurückzuführen. Der lang anhaltende Verfall beim Ölpreis ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Der Ölpreis, der im Dezember 2015 noch bei 38 US-Dollar lag, ist im Dezember 2016 auf über 50 US-Dollar gesprungen – ein Anstieg von knapp 40 Prozent. Weil der Energieanteil an den deutschen Lebenshaltungskosten signifikant ist, hinterlässt ein so massiver Anstieg auch merkliche Spuren bei der allgemeinen Inflationsentwicklung.

    Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr zu sprechen; genauso falsch war es in den vergangenen Jahren, wegen fallender Ölpreise eine Deflationsgefahr herbeizureden.

    Wichtig ist aus unserer Sicht, die allgemeine Preisentwicklung ohne die Entwicklung der Energiepreise zu betrachten. Die EU veröffentlicht eine solche Erhebung für den Euroraum, schließt dabei aber auch die ebenfalls recht volatilen Nahrungsmittelpreise aus. An der Entwicklung dieser Zeitreihe erkennt man sehr schön, dass in der Vergangenheit keine Deflation drohte. Die Preise haben lediglich – analog zur Konjunkturentwicklung – „durchgeatmet“. Jetzt könnte das Pendel in die andere Richtung ausschlagen.

    Geringe Gefahr für starken Ölpreisanstieg in 2017

    Wir halten das Risiko eines starken Ölpreisanstiegs im weiteren Verlauf des Jahres für gering. Je höher der Ölpreis steigt, desto stärker steigt in den USA die Schieferölförderung. Denn ab dem aktuellen Rohölpreisniveau steigt die Rentabilität der Fracking-Technologie rapide. Je stärker aber die Förderung ansteigt, umso größer das Öl-Angebot und desto geringer die Gefahr eines weiter steigenden Ölpreises.

    Das bedeutet aus unserer Sicht: Auf die jüngste Aufwärtsbewegung bei den Verbraucherpreisen werden weder die Europäische Zentralbank noch die Börsen nennenswert reagieren. Anders als von vielen Experten prophezeit, wird die aktuelle Entwicklung der Verbraucherpreise also weder das Ende der lockeren Geldpolitik in der Eurozone einleiten, noch wird es zu einer Beschleunigung der Zinswende an den Rentenmärkten kommen.

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