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Brexit, EZB- und FED-Entscheidungen – TARGOBANK Chefvolkswirt Otmar Lang kommentiert regelmäßig das aktuelle Geschehen rund um die Wirtschaftslage.

TARGOBANK Chefvolkswirt Otmar Lang zur aktuellen Wirtschaftslage

 

Düsseldorf, 7. November 2018

„Midterms ergeben optimale Konstellation für Kapitalmärkte“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

Der Ausgang der Midterm Elections in den USA dürfte für die Kapitalmärkte eine gute Nachricht sein. Dass der US-Präsident nun weiterhin seine republikanischen Impulse setzen kann, dabei aber etwas mehr Gegenwind von den Demokraten im Repräsentantenhaus bekommt, könnte sich als optimale Konstellation für die Märkte herausstellen. Denn grundsätzlich trauen die Börsen den Republikanern mehr Wirtschaftskompetenz zu als den Demokraten – doch Donald Trump hat es durch seine zuweilen aggressive Vorgehensweise geschafft, diesen Bonus zu verspielen. So sehr die Märkte republikanische Politik grundsätzlich zu schätzen wissen, so wenig mögen sie Unsicherheit und Instabilität.

Dass US-Präsident Trump in der neuen politischen Konstellation bei vielen seiner Vorhaben leichter einzubremsen ist, dürfte vor allem auch ausländische Investoren freuen. Schließlich plant er die Regulierung der Finanzmärkte zurückzufahren, die Mittel zur Förderung erneuerbarer Energien zu kürzen und die Sozialausgaben zu senken – und das geht vielen Investoren zu weit.

Trotz der positiven Effekte für die Börsen bedeutet der Wahlausgang allerdings nicht, dass dem US-Aktienmarkt noch einmal eine Aufschwungphase bevorsteht. Denn die republikanische Regierung hat ihr Pulver mit Inkrafttreten der Steuerreform bereits weitgehend verschossen. Um das geplante milliardenschwere Infrastrukturprogramm ist es aufgrund des sich abzeichnenden höheren Staatsdefizites inzwischen sehr ruhig geworden. Auch haben die Steuersenkungen nicht den Erfolg gebracht, den man sich erhofft hat. Die US-Investitionen sind kaum angesprungen. Die US-Unternehmen haben es vorgezogen, mit den Steuergeschenken eigene Aktien zurückzukaufen, anstatt Investitionen zu tätigen, die Wachstumsschübe hätten auslösen können. Darüber hinaus dämpft der fortschreitende Prozess der US-Zinsnormalisierung die volkswirtschaftlichen Aktivitäten. Ein schwächeres Wirtschaftswachstum außerhalb der USA trägt ein Übriges dazu bei, dass die Voraussetzungen heute andere sind als unmittelbar nach der US-Präsidentschaftswahl Anfang 2017.

 

Marktkommentar: Archiv 2017/18
  1. 1. „Zum Crash wird es nicht kommen“ (29. Oktober 2018)

    Die Aktienmärkte sind weltweit unter Druck. Die Risiken – vor allem die politischen – sind vielfältig: Die umstrittene Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump und die gleichzeitige Überhitzungsgefahr für die amerikanische Wirtschaft, das Ringen um den Brexit, das Italien-Risiko für die Europäische Währungsunion und ein möglicher Wachstumsabschwung in China tragen zur Unsicherheit der Investoren bei.

    Darüber hinaus werden die Konjunkturprognosen zusammengestrichen. Zwar ist die Weltwirtschaft unverändert auf Wachstumskurs, doch der verliert an Kraft. Vor allem in Europa, im Emerging Market-Raum und hier insbesondere in China sind die Zeiten des beschleunigten Wachstums vorbei. Lediglich in den USA scheint das Bild noch unbeschadet, hier hilft vor allem die US-Steuerreform.

    Doch richtig kritisch wird es für die Aktienmärkte erst dann, wenn die Inflation in den USA überraschend steigen und/oder sich die Konjunktur in den USA oder in China massiv abschwächen würde. Dies ist allerdings derzeit nicht zu erwarten. Nach unserer Einschätzung wird es in absehbarer Zeit nicht zum viel befürchteten Crash kommen, sondern bei einer massiven Korrektur bleiben.

    Diese Phase kann jedoch noch länger andauern. Denn zum einen müssen die Aktienmärkte den Zinsnormalisierungsprozess, der in den USA im vollen Gang ist, noch richtig einordnen. Zum anderen liegen die aktuellen Notierungen der wichtigsten Aktienindizes inzwischen alle unter ihren 200-Tage-Linien – ein klares Signal zum Verkaufen.

    Die Kurse können weltweit also durchaus noch weiter nachgeben, möglicherweise bis Ende November. Bis dahin sind in den USA die von den Märkten mit Spannung erwarteten Mid-Term-Wahlen gelaufen. Außerdem sollte bis dahin klar sein, ob Amerika und China beim G20-Gipfel Fortschritte zur Überwindung ihres Zollkonflikts erzielt haben oder nicht.

  2. 2. „FED kündigt vorsichtig das Ende der Zinserhöhungen an“ (26. September 2018)

    Die US-Notenbank FED hat ihren Leitzins erwartungsgemäß von 2 auf 2,25 Prozent angehoben. Damit liegt er zwar erstmals wieder knapp oberhalb der US-Kerninflationsrate, ist aber immer noch historisch niedrig.

    Seit rund drei Jahren steht die amerikanische Notenbank für eine Geldpolitik, die zaghaft und bedächtig in Richtung Zinsnormalisierung führt. Davon scheint sie heute ein wenig abzurücken, denn sie hat erstmals seit 2015 den Begriff „accomodative“ aus ihrer geldpolitischen Strategiebeschreibung gestrichen. Ist die FED also von der starken US-Wirtschaft überzeugt genug, um insgesamt etwas mutiger zu werden? Wir sagen nein. Es könnte der erste Hinweis darauf sein, dass die Zinsanhebungen in 2019 zu Ende gehen. Dazu passt auch, dass die FED für 2021 von einem schwächeren Wachstum für die US-Wirtschaft ausgeht.

  3. 3. „ifo-Prognose: Aktienmärkte sind skeptischer als Konjunkturforscher“ (6. September 2018)

    Laut ifo Konjunkturprognose wächst die deutsche Wirtschaft im laufenden und im kommenden Jahr um 1,9 Prozent. Nachdem das ifo Institut im Juni seine Wachstumsprognose deutlich von 2,6 auf 1,8 Prozent heruntergeschraubt hatte, ist die aktuelle Korrektur aber nur Kosmetik. Zumal die Münchner Wirtschaftsforscher für 2020 auch von einer allmählich abschwächenden Konjunktur ausgehen.

    Die Aktienmärkte hatten sich ohnehin schon deutlich früher skeptisch gezeigt als die ifo-Ökonomen. Seit dem 23. Januar liegt der DAX mit mehr als 11 Prozent im Minus, während der amerikanische S&P 500 gut 8,5 Prozent zulegen konnte (in Euro, inkl. Dividenden).

    Neben der Zollthematik spielt vor allem die Gewinnentwicklung in den Unternehmen eine gewichtige Rolle: Lagen die Gewinnprognosen für die USA und Deutschland zu Beginn des Jahres mit 10 Prozent ungefähr gleichauf, haben sich die tatsächlichen Zuwächse in den USA mit über 20 Prozent mehr als verdoppelt. In Deutschland sowie auch in der Eurozone hingegen wachsen die Unternehmensgewinne mit 7 Prozent deutlich geringer als erwartet.

    Auch wenn die Wirtschaftsforscher vom ifo Institut etwas optimistischer in die Zukunft blicken, bleibt die Gesamtstimmung an den Aktienmärkten verhalten. Der DAX startet auch heute wieder mit einem klaren Minus. Der anhaltende Rückgang beim OECD-Frühindikator und beim Einkaufsmanagerindex für Deutschland spricht ebenfalls eine eher ernüchternde Sprache. Daran wird auch die ifo-Prognose nichts ändern.

    Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die US-Wirtschaft weiterhin robust zeigt. Der jüngste US-Einkaufsmanagerindex hat entgegen den Erwartungen im August noch einmal zugelegt. Insofern steht einer weiteren US-Zinserhöhung im September nichts entgegen. Der US-Dollar dürfte in diesem Szenario weiter an Stärke gewinnen. Das wäre dann endlich auch eine gute Nachricht für den DAX.

  4. 4. „Die FED macht alles richtig und dämmt die Inflationsängste.“ (11. Juni 2018)

    Die amerikanische Notenbank wird in dieser Woche die Zinsen erhöhen – das scheint ausgemachte Sache. Der Schritt wird von allen Marktteilnehmern schon seit langem erwartet – und es wird nicht die letzte Zinsanhebung in diesem Jahr sein.

    Fakt ist: In den USA läuft die Konjunktur derzeit mehr als rund. Und die Stimmungsindikatoren deuten darauf hin, dass das auch noch länger so bleibt. Das Verbrauchervertrauen ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr und die Arbeitslosigkeit so niedrig wie zuletzt vor 50 Jahren. Nach aktuellen Prognosen wird das amerikanische Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um satte 2,75 Prozent zulegen.

    Viele Marktteilnehmer erwarten trotz dieser guten Ausgangslage einen baldigen Konjunkturabschwung. Sie argumentieren mit der Zinsstrukturkurve, die den Renditeunterschied von Anleihen mit langer und kurzer Restlaufzeit beschreibt. Wird dieser Unterschied – wie aktuell – sehr gering, kann dies der Vorbote für eine Rezession sein. Hinzu kommt: Inflationsfrei wächst die US-Wirtschaft nur bei einem Wachstum von maximal 2 Prozent.

    Wir teilen die Sorgen vieler Marktteilnehmer ausdrücklich nicht. Die US-Konjunktur läuft derzeit derart stabil, dass wir die Gefahr einer Konjunktur-Überhitzung deutlich höher einschätzen als die einer Rezession. Insofern macht die FED alles richtig. Denn eine Zinserhöhung dämmt die Inflationsängste ein, und die US-Wirtschaft kann unverändert auf Wachstumskurs bleiben.

  5. 5. „Die EZB muss sich alle Optionen offen halten.“ (26. April 2018)

    Es war absehbar, dass die EZB heute keine klare geldpolitische Linie für die Zukunft vorgibt. Daran wird sich bis zum nächsten Sitzungstermin im Juni wahrscheinlich auch nichts ändern. Die EZB muss sich alle Optionen offen halten, und das möglichst für einen langen Zeitraum. Die jüngste Reihe schwächerer Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren im Euroraum lassen den Konjunkturausblick seit einigen Wochen eingetrübter erscheinen.

    Zudem schwelen der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie die weiterhin völlig ungeklärte geopolitische Konstellation in Syrien. Einerseits droht in beiden Fällen jederzeit eine Eskalation, andererseits tangieren solche Krisenszenarien die Märkte oft nur kurzfristig – wie etwa beim Luftangriff durch die USA auf Syrien. Die Medien hatten einen drohenden neuen Weltkrieg ausgerufen, aber die Börsen beruhigten sich schnell wieder.

    Auch die Auseinandersetzung der USA mit dem Rest der Welt um neue Zollbarrieren scheint sich aktuell wieder zu entspannen. Aber selbst wenn politische Börsen kurze Beine haben und die EZB lediglich eine „Wetterberuhigung“ abwarten muss: Der sich anbahnende Konjunkturabschwung in der Eurozone kann der Zentralbank Schwierigkeiten bereiten.

    Noch lassen sich solche Bedenken kaschieren: Das Niveau der Stimmungsindikatoren ist immer noch vergleichsweise hoch. Einige negative konjunkturelle Sondereffekte der letzten Wochen sind ausgestanden – so sorgten die Grippe- und Kältewelle in Deutschland etwa für Einbrüche bei der deutschen Produktion. Das Gesamtbild erscheint wieder aufgehellt.

    Sollten die Stimmungsindikatoren bis zum Frühsommer allerdings weiter nachgeben, müsste Mario Draghi seine bisherige Rhetorik überdenken. Zwischen dem Auslaufen des Anleiheankaufprogramms und der ersten Zinsanhebung könnte dann ein sehr langer Zeitraum liegen.

  6. 6. „Das Fahrwasser für die FED verändert sich" (21. März 2018)

    Eigentlich konnte der neue Chef der amerikanischen Notenbank FED, Jerome Powell, in seiner ersten Sitzung heute nicht viel falsch machen. Er setzte lediglich den geldpolitischen Kurs seiner Vorgängerin fort – und das war gut so.

    Doch die Zeiten, in denen sich quasi mit Zirkel und spitzem Bleistift am Reisbrett ausrechnen ließ, wie viele Zinserhöhungen noch folgen werden, sind vorbei. Das Fahrwasser für die FED verändert sich: Die Aktienhausse ist weltweit brüchig geworden. Auch mehren sich die Anzeichen für eine Abschwächung des weltweiten Konjunkturaufschwungs.

    US-Präsident Trump verfolgt zwar die im Wahlkampf vorgezeichnete Linie, diese wird allerdings in vielen Kreisen wirtschafts- und außenpolitisch als problematisch eingestuft. Außerdem geht weltweit das größte geldpolitische Experiment der letzten 50 Jahre – die quantitative Lockerung – zu Ende. Und das bedeutet für Notenbanker und Finanzmarktakteure risikoreiches Neuland.

    Die US-Notenbank muss sich auf diese veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Deshalb tut sie gut daran, sich möglichst flexibel zu äußern und sich bezüglich der Anzahl der Zinsanhebungen alle Optionen offen zu halten.

    Das bedeutet aber auch: Die FED kann den Finanzmärkten keine glasklare Guidance anbieten. Also bleibt auch diesbezüglich alles wie gehabt.

  7. 7. „Stabwechsel an der FED-Spitze ist kein Grund zur Beunruhigung" (31.1.2018)

    Der US-Aktienmarkt steht auf Rekordniveau, die US-Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie fast noch nie in diesem Jahrhundert, und das US-Wachstum scheint erstmals nach der Überwindung der Finanzmarktkrise wieder stabil. Anscheinend hat die scheidende US-Notenbank-Präsidentin Janet Yellen in ihrer Amtszeit alles richtig gemacht.

    Ihr Nachfolger Powell tut gut daran, den geldpolitischen Kurs der graduellen Zinserhöhung mehr oder weniger unverändert fortzusetzen. Das ist auch das wahrscheinlichste Szenario. Denn Yellen und Powell gelten beide als sogenannte Tauben unter den Notenbankern, also Menschen, die nur zu behutsamen geldpolitischen Entscheidungen neigen.

    Der größte Unterschied im Führungsstil könnte darin bestehen, dass unter Powell wieder nach jeder FED-Zinssitzung eine Pressekonferenz stattfindet. Dadurch wäre mehr Flexibilität möglich. Denn ohne Pressekonferenz, so das ungeschriebene Gesetz, gibt es keine Zinsveränderung. Mehr Informationen schaden nie, insofern wären das gute Nachrichten für die Finanzmärkte. Der Stabwechsel an der Spitze der amerikanischen Notenbank ist insofern für die Börsen kein Grund zur Beunruhigung.

  8. 8. „Die EZB muss die Finanzmärkte jetzt vorbereiten!" (25.1.2018)

    Es wird für Mario Draghi immer schwieriger, die nach wie vor sehr lockere Geldpolitik der EZB zu rechtfertigen: Die Wirtschaft im Euroraum wächst so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Nachdem der IWF seine Wachstums-Prognosen für den Euro-Raum so deutlich nach oben korrigiert hat und auch die aktuellen Stimmungsindikatoren weiterhin für einen anhaltenden Konjunkturaufschwung sprechen, ist das Abwarten der EZB kaum noch nachvollziehbar.

    Sicherlich konnte Mario Draghi von seiner Aussage, bis zum Herbst Staatsanleihen zu kaufen, schwerlich abrücken. Diesen Spagat kann er aber nur noch kurzfristig durchhalten: Wir gehen davon aus, dass er spätestens auf der nächsten Sitzung im März seine Kommunikation neu ausrichten wird. Denn je länger er wartet, desto mehr können dann schon kleinste Änderungen im Wortlaut zur Ausrichtung der Geldpolitik zu ungewollten Reaktionen an den Finanzmärkten führen.

    Auch unter einem anderen Aspekt beginnt die Zeit zu drängen: Trotz anderslautender Bekundungen glauben die Investoren in Japan immer weniger daran, dass die japanische Notenbank ihre extrem lockere Geldpolitik über den Herbst hinaus verlängern kann. Die EZB sollte deshalb die Finanzmärkte darauf vorbereiten, dass möglicherweise ab Herbst alle drei großen Notenbanken – die US FED, die japanische BOJ und eben auch die EZB – in einen Zinsnormalisierungsmodus eingeschwenkt sind. Darauf müssen die Finanzmärkte vorbereitet werden. Die Investoren wollen auch wissen, wie der Zinsanpassungspfad im Detail aussehen könnte.

    Die US-Notenbank FED hat es vorgemacht: Das Ende ihrer Nullzinspolitik war auch deshalb so effektiv, weil andere Notenbanken zu diesem Zeitpunkt in ihrer expansiven Geldpolitik nochmals richtig nachgelegt haben.

  9. 9. „Sorglosigkeit der Anleger ist pures Kalkül“ (27.12.2017)

    Die Schwankungsanfälligkeit von Aktien ist derzeit sehr niedrig, das gilt als sicheres Zeichen für eine besondere „Sorglosigkeit“ der Anleger. Doch an der Börse ist es wie im richtigen Leben: Wer sich keine Sorgen macht, den können unvorhergesehene Tiefschläge besonders treffen. Deshalb sehen viele Experten niedrige Volatilitäten an der Börse als Alarmsignal: Denn ein unerwartetes negatives Ereignis kann die Aktienvolatilität schlagartig nach oben treiben und an den Märkten zu großen Kursverlusten führen.

    Aber sind die Anleger wirklich zu sorglos? Die Weltkonjunktur hat sich in der zweiten Jahreshälfte 2017 deutlich besser entwickelt als die meisten vermutet hatten. Die konjunkturellen Frühindikatoren deuten auch für das erste Halbjahr 2018 keine Veränderung in der Großwetterlage an. In Deutschland steht der Ifo-Index auf einem historischen Hochpunkt, und die Arbeitslosigkeit hat seit der Wiedervereinigung einen historischen Tiefstand erreicht, Tendenz weiter fallend. Diese Traum-Konstellation ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg einmalig.

    Und tatsächlich gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Volatilität der Aktienmärkte und der ökonomischen Gesamtsituation – gemessen etwa an der Entwicklung des Ifo-Index und der Arbeitslosigkeit. Verbessert sich die Konjunkturlage, sinken die Sorgen der Anleger, die Volatilität fällt.

    Eine niedrige Aktienvolatilität ist für uns deshalb auch kein Alarmsignal – wir sehen darin vielmehr das pure rationale Kalkül der Anleger. Der konjunkturelle Hochpunkt drückt die Volatilität an ihren Tiefpunkt.

  10. 10. „Wirtschaft wächst auch im politischen Vakuum“ (23.11.2017)

    In Deutschland droht ein politisches Vakuum – und das vielleicht für eine längere Zeit. Andere Länder kennen diese Situation bereits: 209 Tage brauchte es in den Niederlanden nach der Wahl, bis die neue Regierung stand. In Spanien 315 Tage und in Belgien sogar 541 Tage. Betrachtet man – in einem natürlich verengten Blick – ausschließlich die Entwicklung der Wirtschaft und der Börsen, dann ist ein solches Vakuum gar nicht so schlecht.

    Denn auch ohne voll handlungsfähige Regierung kann der Wachstumskurs eines Landes stabil sein. So fiel das niederländische Wachstum während des politischen Vakuums im zweiten Quartal dieses Jahres mit 3,8 Prozent so hoch aus wie seit dem Beitritt zur Währungsunion nicht mehr. Dieser Wert lag klar über dem europäischen Durchschnitt. Auch die niederländische Aktienbörse AEX ließ sich durch das Fehlen einer voll handlungsfähigen Regierung nicht beirren (siehe Chart anbei). Der AEX konnte gegenüber dem europäischen Aktienindex STOXX 600 während dieses Zeitraums sogar outperformen.

    Ähnlich lief es in Spanien ab. Hier fanden im Dezember 2015 Parlamentswahlen statt, eine Regierung wurde nach Neuwahlen aber erst im Oktober 2016 gebildet. In dieser Zeitspanne hatten die spanischen Aktien zwischenzeitlich zwar underperformt, aber im Monat der Regierungsbildung war der Unterschied so gut wie auf null zusammengeschmolzen.

    Wir wollen nicht zu vollmundig behaupten, dass es der Wirtschaft ohne voll handlungsfähige Regierung besser geht. Möglicherweise aber lässt sich ein politisches Vakuum an den Börsen besser durchstehen, wenn die fundamentalen Rahmenbedingungen stimmen – so geschehen in Spanien und den Niederlanden.

    Auch für Deutschland sehen wir nicht die Gefahr, dass die Märkte unter den derzeitigen politischen Unsicherheiten einbrechen. Dafür ist die wirtschaftliche Situation Deutschlands derzeit einfach zu stabil – auch ohne neue Bundesregierung.

    Politisches Vakuum: Aktien leiden nicht. Der Chart zeigt die Entwicklung der niederländischen Börse während der Phase ohne handlungsfähige Regierung 2017. Benchmark ist der europäische Aktienindex STOXX600.

  11. 11. "Jetzt nicht hektisch werden" (26.10.2017)

    Die Europäische Zentralbank hat kein Interesse daran, die Finanzmärkte zu überraschen. Das war auch heute wieder so: Angesichts der anhaltend guten Konjunkturdaten hat Mario Draghi wie erwartet angekündigt, die monatlichen Anleihekäufe ab Januar 2018 deutlich herunterzufahren. Diese Entscheidung impliziert zwar weiterhin nicht die große Kurswende für Anleger, aber Feinanpassungen werden wichtiger.

    Neue Normalität
    Draghis Ziel ist ein behutsamer geldpolitischer Kurswechsel, das so genannte „lower for longer“. Insofern muss jetzt niemand in Hektik verfallen und seine Anlagestrategie komplett in Frage stellen. Für Anleger ist eine Erkenntnis wichtig: Der reale neutrale Zins ist in den vergangenen Jahren gesunken. Lag dieser vor der Finanzmarktkrise bei etwas über zwei Prozent, pendelt er sich heute bei rund einem Prozent ein. Auf diesem Niveau sprechen wir dann auch von der „Neuen Normalität“, einer Geldpolitik, bei der negative Zinsen und Anleiheankäufe noch für einen längeren Zeitraum Standard bleiben werden.

    Aktien bleiben erste Wahl
    Insofern sind in der Geldanlage Aktien weiterhin erste Wahl – nicht zuletzt weil die Firmengewinne auch im kommenden Jahr steigen dürften. Ein Schwerpunkt sollte dabei der Euroraum sein mit dem DAX als prominentesten Profiteur der gut laufenden Weltkonjunktur.

    Behutsame Anpassungen im Portfolio sind jetzt bei den Rentenengagements angeraten: Diese sollten langsam zurückgefahren und etwa durch offene Immobilienfonds ersetzt werden. Angesichts der aktuell niedrigen Inflation ist auch Gold attraktiv. Das wichtigste Gebot bei der Geldanlage ist und bleibt wie immer: Diversifikation. Daran ändert auch Mario Draghi nichts.

  12. 12. "Die FED hat geliefert!" (20.09.2017)

    Die amerikanische Notenbank hat geliefert, wie von ihr erwartet und vor allem wie von der EZB erwünscht. FED-Chefin Janet Yellen hat heute klar gemacht, dass sie ihr Anleiheportfolio abschmelzen wird und sich die Option auf eine Zinsanhebung im Dezember weiter offen lässt.

    Diese Konstellation gibt der EZB Raum, ihre Zinspolitik ebenfalls ganz vorsichtig anzupassen, ohne gleichzeitig eine starke Aufwertung des Euro zu riskieren – zumindest nach Lehrbuchmeinung. Denn wenn es Mario Draghi ernst ist, in 2018 das Anleiheankaufprogramm zu reduzieren, dann wird die Zeit für eine Ankündigung dieser Strategie langsam knapp.

    Und auch in den Wintermonaten und zu Beginn des kommenden Jahres könnte sich das Fenster für einen Schwenk der Notenbankpolitik schließen: Aufgrund der günstigen Basiseffekte bei den Rohstoff- und Lebensmittelpreisen erwarten wir für diesen Zeitraum einen vorübergehenden, aber starken Rückgang bei den europäischen Inflationsraten. Würde die EZB in einem solchen Umfeld auf eine restriktivere Geldpolitik schalten, käme sie in Erklärungsnot – hat sie doch in der Vergangenheit ihre extreme Zinspolitik mit den niedrigen Inflationsraten begründet.

    Beinhalten die FED-Verlautbarungen größere Risiken? Die Renditen sind in den USA höher als in Deutschland und in Japan. US-Anleihen sind also für den internationalen Investor attraktiv, wenn da nicht die Schwäche des US-Dollars wäre. Hier hat die FED heute für Stabilität gesorgt, indem sie klar umrissen hat, wie es geldpolitisch weitergeht. Damit sind US-Titel für die vom Niedrigzins geplagten ausländischen Investoren auch wieder attraktiv.

    Heute war die Tatsache, dass die FED überhaupt etwas angekündigt hat, fast wichtiger als die Frage nach den Details. Jetzt ist sowohl für die amerikanische als auch für die europäische Zentralbank der Weg in Richtung Zinsnormalisierung bereitet – und das ohne größere Risiken für den Wechselkurs. Eine Gelegenheit, die genutzt werden musste.

  13. 13. Draghi hat sich festgelegt (7.09.2017)

    Wie erwartet hat die EZB die Leitzinsen heute unverändert gelassen. Das Thema Zinsnormalisierung blieb im Vagen. Stattdessen folgt die EZB weiter ihrem Leitmotiv von „Geduld“ und „Vorsicht“.

    Denn die Vorbereitung einer Zinsnormalisierung im Euroraum gestaltet sich schwierig. Schon Draghis Rede aus dem Juni, in der er erstmals vorsichtig Bewegungen in Richtung Zinsnormalisierung andeutete, heizte die Euro-Rallye nochmals richtig an und trieb den Euro auf fast 1,20 US-Dollar. Jetzt sind Formulierungen gefragt, die den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik ankündigen, ohne gleichzeitig weiteren Zündstoff für eine erneute Euroaufwertung zu bieten.

    Die Argumente für eine Zinsnormalisierung liegen auf der Hand. Die Wirtschaft im Euroraum wächst in diesem Jahr mit rund 2 Prozent. Der Ausblick bleibt günstig: Viele Stimmungsindikatoren markieren zyklische Hochpunkte oder bewegen sich in dessen Nähe. Auch der Arbeitsmarkt spielt mit. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen unter ihrem langfristigen Durchschnitt, Tendenz weiter sinkend.

    Darüber hinaus sind auch juristische Rahmenbedingungen zu beachten, wie die 33%-Grenze beim Ankauf von deutschen Bundesanleihen. Läuft das Rentenankaufprogramm weiter wie bisher, könnte diese Grenze bereits im Frühjahr 2018 erreicht sein, was die EZB zeitlich unter Druck setzen würde.

    Auf der anderen Seite hat der europäische Süden eine Mehrheit im EZB-Rat und diese Länder haben es nicht eilig. Hier muss Mario Draghi noch einige Überzeugungsarbeit leisten.

    Wichtig ist auch das Signal der Fed: Sie wird erst in rund 14 Tagen darlegen, ob und in welchem Umfang sie Anleihen aus ihrem Bestand wieder in den Markt gibt und ob im Dezember die Zinsen weiter steigen könnten. Nur wenn die FED entsprechende Signale sendet – wovon wir ausgehen – ergeben sich auch für die EZB größere Handlungsspielräume.

    Heute hat sich Draghi festgelegt: Die EZB wird noch im Oktober über den Fortgang des Anleihekaufprogramms entscheiden. Die Kunst wird es sein, eine Zinsnormalisierung verbal einzuleiten, ohne eine weitere massive Aufwertung des Euros zu riskieren.

  14. 14. "Ifo-Index folgt den Finanzmärkten" (25.08.2017)

    Der leichte Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindex bestätigt, was die Finanzmärkte schon seit Wochen einpreisen: Die Risiken durch eine mögliche bevorstehende Konjunkturverlangsamung, den überraschend festen Euro und die weltweit restriktivere Geldpolitik drücken jetzt wohl auch auf die Stimmung der deutschen Unternehmen. Auch die geopolitischen und wirtschaftspolitischen Unsicherheiten durch Donald Trumps Regierungsstil haben dazu beigetragen, dass der Index zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr nach oben zeigt.

    Doch das Gesamtbild bleibt trotz des leichten Rückgangs unverändert: Der Ifo-Geschäftsklimaindex signalisiert für Deutschland ein Wirtschaftswachstum, das fast doppelt so hoch ist wie es von der Konsensus-Schätzung prognostiziert wird. Viele Börsenhändler reagierten darauf bislang eher mit ungläubigem Staunen als mit Konsequenzen in ihrer Handelsstrategie. Überhaupt lassen sich die Finanzmärkte zurzeit nur bedingt von den ökomischen Fakten leiten.
    Wir rechnen damit, dass der Ifo-Geschäftsklimaindex auch in den kommenden beiden Monaten weiter nachgeben wird – vor allem wenn sich die angesprochenen Risiken nicht auflösen lassen. Dagegen wird an den Aktienmärkten der DAX weiterhin bemüht sein, die Marke von 12.000 Indexpunkten zu halten.

  15. 15. "Umsteuern der EZB geht in die nächste Runde – keine negativen Auswirkungen für die Aktienmärkte" (20.07.2017)

    „Mit dem temporären Inflationsargument kaschiert die EZB, dass sie bei der Konjunktureinschätzung behind war. Inzwischen steuert sie nach. Allerdings kommen ihr die wieder zögerlichen Töne der amerikanischen Notenbank nicht gelegen. Die Folge ist ein sich aufwertender Euro. Dabei hatte die EZB eine Doppelbelastung für den europäischen Wirtschaftsraum nicht eingeplant: Höhere Zinsen und Renditen und ein höher bewerteter Euro, das hatte sich die EZB anders gewünscht. Entsprechend vorsichtig trat Draghi in der Pressekonferenz auf. Das vorsichtige Stupsen in Richtung Zinsnormalisierung geht weiter, größere Überraschungen blieben aus.

    Wie geht es jetzt an den Rentenmärkten weiter? Wir sind überzeugt, dass die Renditen in der Eurozone dank des sehr behutsamen Umsteuerns der EZB nur sehr, sehr langsam anziehen werden. Auch in den USA haben die ersten vier Zinsanhebungen aufgrund der überaus defensiven Kommentierung der FED bis heute zu keinen höheren Renditen geführt.

    Für die Aktienmärkte bleiben wir unverändert positiv gestimmt: Weiterhin extrem niedrige Zinsen, günstige Konjunkturerwartungen und kaum vorhandene Inflationsängste sind ein Umfeld, was die Aktienmärkte im Euroraum lieben. Mit einem Durchbruch des Euros durch die massive Widerstandszone zwischen 1,18 und 1,21 rechnen wir nicht. Dafür wird die sehr ausgewogene EZB-Rhetorik sorgen.“

  16. 16. „Ifo-Zahlen täuschen über globales Umfeld hinweg“ (26.07.2017)

    Der Ifo-Index steigt abermals von 114,6 auf 115,1 Punkte – das sorgt für gute Stimmung. Doch in der restlichen Welt sieht das Bild anders aus: Das Umfeld bröckelt. So haben die globalen Einkaufsmanagerindikatoren seit Monaten den Rückwärtsgang eingelegt. Das spricht nicht für eine anhaltende spürbare Belebung der Weltkonjunktur – selbst die sonst so optimistisch klingende OECD wird vorsichtiger und rechnet im kommenden Jahr kaum noch mit einer Wachstumsbeschleunigung.

    Dass der aktuelle Rückgang beim Preisanstieg nur temporär sein soll, ist nicht schlüssig. Wahrscheinlich hat auch die Inflation ihren Höhepunkt überschritten. Und dass die Entwicklung beim Ölpreis passend dazu vor allem mit den hohen Lagerbeständen begründet wird, verdrängt das Argument eines möglichen Konjunkturabschwungs. Aber wenn die Konjunktur stabil ist, warum fällt dann der Goldpreis?

    Die Aktienmärkte werden durch die Ifo-Daten vorerst weiter gestützt, doch den Notenbanken, insbesondere der EZB, hilft das nicht weiter. Denn was nützt die Botschaft, dass die Wachstumslokomotive in der Eurozone weiter liefert, wenn auf der anderen Seite die Zweifel am globalen ökonomischen Umfeld wachsen und der Inflationsdruck nachlässt? Im weiteren Wochenverlauf könnte das Statistische Bundesamt den zweiten Rückgang in Folge bei der deutschen Teuerungsrate verkünden.

    Nachdem sich die politischen Risiken im Jahresverlauf deutlich verringert haben, ist der Fokus jetzt wieder sehr deutlich auf den Makrodaten. Und das Bild ist unklarer als es im Vorfeld der Parlamentswahlen in den Niederlanden, Frankreich und dem Vereinigten Königreich je war. Die Welt wird ungemütlicher, auch wenn der Ifo-Index weiter Stabilität suggeriert.

  17. 17. „Draghis Zögern und die Risiken“ (7.06.2017)

    Das wird wieder schwierig für die Falken – die morgige Sitzung der Europäischen Zentralbank wird denjenigen Ratsmitgliedern, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten, wahrscheinlich wenig Aufwind verschaffen.

    Denn die Inflation im Euroraum ist in einen Sinkflug übergegangen. Daran wird sich auch in den kommenden Monaten nicht viel ändern. Das Preisziel von knapp 2 Prozent scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Deshalb können auch die guten Konjunkturdaten von den Tauben im EZB-Rat leichter weg argumentiert werden.

    Wir gehen daher davon aus, dass EZB-Chef Draghi bei seiner Forward Guidance keine signifikante Anpassung vornehmen wird. Zumal er bis zuletzt noch betont hat, dass ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung immer noch notwendig ist.

    Möglicherweise wird Draghi anders als in der Vergangenheit die sich belebende Konjunktur im Euroraum – sicher zur Freude der Falken – stärker in den Vordergrund stellen. Diese Vorgehensweise würde es ihm erleichtern, gegebenenfalls im Herbst zu verkünden, dass das Volumen der monatlichen Anleihekäufe im kommenden Jahr sinken wird.

    Aber auch hier müsste er sich eigentlich Zurückhaltung auferlegen. Denn falls er seine Formulierungen nicht sehr vorsichtig wählt, könnte das den Euro nochmals treiben – und daran wären nicht einmal die Falken interessiert.

    Insgesamt birgt Draghis Zögern Risiken. Sollte die Konjunktur im Euroraum wieder zur Schwäche neigen, könnte die EZB kaum helfend eingreifen. Ihr Munitionsdepot ist ziemlich leer. Doch das scheint den EZB-Chef weniger zu interessieren.

  18. 18. „Wird Draghi zum Getriebenen?“ (27.04.2017)

    Die heutige Entscheidung der EZB, den Leitzins unverändert zu belassen, überrascht nicht. Denn dass Mario Draghi so kurz vor der Stichwahl in Frankreich seinen lockeren geldpolitischen Kurs ändern würde, war unwahrscheinlich.

    Doch im Kessel brodelt es: Zum einen haben sich die Stimmungsindikatoren für die Eurozone seit der letzten EZB-Zinssitzung entgegen den Erwartungen weiter klar verbessert – sie signalisieren für die Eurozone inzwischen immerhin ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent. Zum anderen haben sich einige der geopolitischen Risiken, die die Konjunkturentwicklung lähmen könnten, abgeschwächt: Die USA sind auf Annäherungskurs – China ist zumindest in Donald Trumps Augen doch kein Währungsmanipulator mehr. Auch das Thema Handelsprotektionismus scheint entschärft. Die Stichwahl um das französische Präsidentenamt am übernächsten Sonntag birgt nur noch wenig Bedrohungspotenzial. Für Nervosität sorgt allenfalls die Situation in Nordkorea.

    Vor diesem Hintergrund dürfte es Draghi immer schwerer fallen, die Falken im EZB-Rat – also diejenigen Mitglieder, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten – ruhig zu halten. Seine Argumente gegen einen geldpolitischen Richtungsschwenk sind vor allem die Gefahr eines stärkeren Euro und schneller als erwartet steigende Renditen an den Rentenmärkten. Schon die Erleichterungs-Rallye an den Devisenmärkten sowie die Kursrückgänge an den Rentenmärkten nach der ersten Abstimmung zur französischen Präsidentschaftswahl gaben der EZB einen Vorgeschmack darauf, was ein Schritt in Richtung Zinsnormalisierung für die Märkte bedeuten würde.

    Und doch: Die Wahrscheinlichkeit, dass die europäischen Währungshüter eher früher als später wieder eine härtere geldpolitische Gangart einlegen, ist gestiegen. Diesen Geist bekommt Draghi wahrscheinlich nicht mehr in die Flasche zurück. Möglicherweise treiben fortan die Märkte die EZB und nicht mehr umgekehrt.

  19. 19. „Worauf wartet die EZB noch?“ (9.03.2017)

    Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinspolitik nicht verändert – wie erwartet. Dabei stellt sich die Frage: Worauf wartet sie eigentlich noch? Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone ist recht robust, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Kreditvergabe steigt. Die Preisentwicklung lässt die EZB aber weiter zögern. Dabei ist das Ziel von Europas obersten Währungshütern – eine Inflation von zwei Prozent – eigentlich erreicht. Doch weil hierbei die stark schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise mit berücksichtigt sind, hat Mario Draghi die Kerninflationsrate im Blick. Diese liegt mit aktuell 0,9 Prozent in den Augen der EZB immer noch zu niedrig. 1,5 Prozent müssten es wahrscheinlich schon sein, damit die Notenbanker bereit sind, ihre Geldpolitik endlich zu ändern.

    Entsprechend vorsichtige Signale hat die Zentralbank gesetzt: Sie hat die Inflationsprognose im Euroraum für das laufende und das kommende Jahr erhöht. Auch wenn Draghi einer Abkehr von der lockeren Geldpolitik nicht das Wort geredet hat, dürfte diese Anpassung die Debatte über einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik eher weiter befeuern. Dazu kommt sein Hinweis, dass die Konjunkturrisiken kleiner geworden sind.

    Damit scheint klar: Die EZB wird geldpolitisch nicht noch einmal nachlegen. Der nächste Schritt wird eine Drosselung der Anleihekäufe (Tapering) sein. Die neue Marschrichtung hätte zwei klare Botschaften:

    1. Die Party an den Rentenmärkten hat ihren Höhepunkt überschritten.
    2. Und die Staatsschulden in Europa bestimmen künftig nicht mehr die Geldpolitik.

    Wann sich Mario Draghi endlich dazu durchringt, das Ende des Taperings zu starten, bleibt vorerst weiter unklar. Vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen in Europa rechnen wir nicht vor September mit klaren Hinweisen zum Timing.

  20. 20. „Fundamentaldaten sind wichtiger als die politische Stimmung!“ (1.03.2017)

    Wieder einmal kommt es anders als erwartet: Obwohl Donald Trump vor dem Kongress konkrete Aussagen zu seiner geplanten Steuerreform schuldig blieb, reagieren die Börsen positiv. Die meisten Analysten hatten für genau diesen Fall Kursverluste vorausgesagt.

    Einig ist sich das Gros der Analysten aber nach wie vor, dass die Märkte im Herbst fallen werden – weil Trump spätestens bis dahin entzaubert sein wird. 30 Prozent der von Sentix befragten Analysten erwarten sogar, dass Präsident Trump seine erste Amtszeit nicht durchstehen wird.

    Es bleibt festzuhalten: Insgesamt wird derzeit weltweit sehr stark auf die Politik geachtet – und viel zu wenig auf die fundamentalen Daten. Denn die Aussichten sind trotz der negativen politischen Stimmung positiv.

    So zeigt der Morgan Stanley-Welthandel-Frühindikator deutlich nach oben. Demnach könnte sich der globale Handel in den kommenden Monaten deutlich erholen, was wiederum ein sehr positives Signal für die Aktienmärkte wäre. Ein Zuwachs von bis zu zehn Prozent ist möglich. Das überrascht gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen über einen zunehmenden Handelsprotektionismus.

    Aufgrund der globalen Konjunkturbelebung, die durch einen Anstieg der Einkaufsmanager-Indikatoren und OECD-Frühindikatoren untermauert wird, zeichnet sich auch eine allmähliche Wende bei den Unternehmensgewinnen ab. Das sollte den Schrecken vor den teilweise hohen Bewertungen nehmen.

    Die Aktien, gemessen im Weltaktienindex MSCI Welt, könnten entgegen den Erwartungen im laufenden Jahr noch deutlich zulegen, insgesamt um rund 20 Prozent. Auch die gestern veröffentlichten US-Konjunkturdaten (Chicago- und Richmond Einkaufsmanagerindex sowie das Conference Board Verbrauchervertrauen) lassen allesamt unverändert auf eine anhaltende Erholung der US-Wirtschaft schließen. In dieses Bild passt auch die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer US-Zinsanhebung im März.

    Rein nach Faktenlage – unter Ausschluss der politischen Risiken – ist der globale Konjunkturausblick also sehr positiv zu werten. Doch schon der ehemalige Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard wusste: „Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie“. Wenn sich alle an Trumps Politik reiben, sinkt die Stimmung, auch an den Märkten. Auch wenn die Fundamentaldaten in eine andere Richtung zeigen.

  21. 21. „Zinsentscheidung wird zur Glaubensfrage für die FED“ (2.02.2017)

    Wie erwartet hat die FED die Zinsen heute unverändert gelassen. Deutlich spannender ist die Frage, was mehr Relevanz für die Entscheidung der US-Notenbank hatte: die US-Fundamentaldaten oder das politische Getöse Trumps?

    Bereits in seiner ersten Amtswoche hat US-Präsident Donald Trump mit seinen Entscheidungen für Aufregung und Empörung gesorgt – auch wenn die Details und die konkreten Folgen für die US-Wirtschaft in vielen Fällen noch nicht absehbar sind. Darüber hinaus hat Trump zu seinen angekündigten Wachstumstreibern wie den geplanten Steuersenkungen und dem Infrastrukturprogramm bislang noch keine Details verlauten lassen. Diese durch Unsicherheit geprägte Nachrichtenlage spricht dafür, mit Zinsanhebungen noch zu warten.

    Erfreuliche Fundamentaldaten sprechen für baldige Zinserhöhung

    Die Fundamentaldaten vermitteln aber eine andere Botschaft: Die US-Konjunktur und insbesondere die US-Stimmungsindikatoren fallen derzeit sehr positiv aus, auch die Unternehmensgewinne entwickeln sich günstig – Argumente für Notenbankchefin Janet Yellen, den nächsten Zinsschritt schon bald zu wagen.

    Bislang war die FED-Chefin dafür bekannt, sich nicht allzu stark durch die Politik beeinflussen zu lassen. Ihre Entscheidungsbasis waren stets die Fundamentaldaten, die aktuell unverändert für drei Zinsanhebungen im Laufe des Jahres sprechen. Das kann sich jetzt ändern. Die nächste Zinsentscheidung der FED wird möglicherweise zu einer Glaubensfrage zwischen ökonomischen Fakten und politischer Ungewissheit.

    Wir denken, dass die FED die erste Zinserhöhung 2017 eher früher als später wagen sollte. Denn auch wenn Trumps Wirtschaftspolitik das Wachstum auf Dauer belastet, könnten dennoch Inflationserwartungen geweckt werden. Eine entsprechende „forward guidance“ könnten die US-Notenbanker schon bald nachreichen.

  22. 22. „Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr in Deutschland zu sprechen“ (12.01.2017)

    Nun hat das Statistische Bundesamt auch offiziell eine „spürbare Beschleunigung“ beim Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende hin bestätigt. Während Ökonomen und Politiker in Deutschland schon wieder die großen Inflationsängste für 2017 schüren, raten wir zur Gelassenheit.

    Tatsache ist: Die Inflationsrate erreichte in Deutschland im Dezember 2016 den höchsten Stand seit 2013. Im Vergleich zum Vormonat hat sich die Jahresteuerungsrate fast verdoppelt, auch im Euroraum zog sie deutlich an.

    Der Anstieg der Inflationsrate in Deutschland und in Europa ist jedoch maßgeblich auf die Entwicklung der Rohstoffpreise, insbesondere der Energiepreise, zurückzuführen. Der lang anhaltende Verfall beim Ölpreis ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Der Ölpreis, der im Dezember 2015 noch bei 38 US-Dollar lag, ist im Dezember 2016 auf über 50 US-Dollar gesprungen – ein Anstieg von knapp 40 Prozent. Weil der Energieanteil an den deutschen Lebenshaltungskosten signifikant ist, hinterlässt ein so massiver Anstieg auch merkliche Spuren bei der allgemeinen Inflationsentwicklung.

    Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr zu sprechen; genauso falsch war es in den vergangenen Jahren, wegen fallender Ölpreise eine Deflationsgefahr herbeizureden.

    Wichtig ist aus unserer Sicht, die allgemeine Preisentwicklung ohne die Entwicklung der Energiepreise zu betrachten. Die EU veröffentlicht eine solche Erhebung für den Euroraum, schließt dabei aber auch die ebenfalls recht volatilen Nahrungsmittelpreise aus. An der Entwicklung dieser Zeitreihe erkennt man sehr schön, dass in der Vergangenheit keine Deflation drohte. Die Preise haben lediglich – analog zur Konjunkturentwicklung – „durchgeatmet“. Jetzt könnte das Pendel in die andere Richtung ausschlagen.

    Geringe Gefahr für starken Ölpreisanstieg in 2017

    Wir halten das Risiko eines starken Ölpreisanstiegs im weiteren Verlauf des Jahres für gering. Je höher der Ölpreis steigt, desto stärker steigt in den USA die Schieferölförderung. Denn ab dem aktuellen Rohölpreisniveau steigt die Rentabilität der Fracking-Technologie rapide. Je stärker aber die Förderung ansteigt, umso größer das Öl-Angebot und desto geringer die Gefahr eines weiter steigenden Ölpreises.

    Das bedeutet aus unserer Sicht: Auf die jüngste Aufwärtsbewegung bei den Verbraucherpreisen werden weder die Europäische Zentralbank noch die Börsen nennenswert reagieren. Anders als von vielen Experten prophezeit, wird die aktuelle Entwicklung der Verbraucherpreise also weder das Ende der lockeren Geldpolitik in der Eurozone einleiten, noch wird es zu einer Beschleunigung der Zinswende an den Rentenmärkten kommen.