Rüdiger, war es für dich als Fotograf schon lange ein Traum, deine eigene Galerie zu eröffnen?

Ich bin ein Wirklichkeitsmensch. „Traum“ klingt so romantisch, sagen wir vielleicht lieber Plan. Im Alltag findet schnell ein Abgleich mit der Realität statt. Ich war vor etwa zehn Jahren schon einmal bei einem größeren Kunstverein dabei (»Linda« in der Hein-Hoyer-Straße, da waren wir 10-12 Leute). Da habe ich schon gelernt, dass so ein Projekt sehr viel Arbeit ist, die nicht immer honoriert wird. Trotzdem lohnt es sich natürlich, das auf die Beine zu stellen.

Was hat im Endeffekt für die Galerie den Ausschlag gegeben – der Wille oder die Gelegenheit?

Im Grunde haben wir erst „nur“ nach einem Büro gesucht. Dass dieses Büro jetzt aber wirklich so ladentauglich ist, mit großen Schaufenstern zum Zeigen und so prominent an einer Straßenecke, das hat den Ausschlag gegeben, den Laden gleich als Galerie herzurichten. Hierzu haben wir die prominenten Wände mit Holzplatten verkleidet, um den Ausstellern maximale Freiheit beim Arrangieren der Exponate zu bieten. Das zahlt sich jetzt schon nach wenigen Ausstellungen aus.

Ihr betreibt die Galerie zu dritt. War das von Anfang an so gedacht oder hat sich das so ergeben?

Wir drei haben eine sehr glückliche Konstellation gefunden. Auf der einen Seite sind wir eine Bürogemeinschaft, wo sich unsere Skills sehr günstig überschneiden. Alex und ich arbeiten in Design und Grafik schon lange zusammen, und Steffen ist Frontend-Programmierer, das ergänzt sich super. Ich glaube, in dieses Galerie-Projekt habe ich die anderen beiden etwas hineingezogen, aber es macht großen Spaß und jeder hat seine ganz eigenen Qualitäten, die dann zum Tragen kommen, wenn sie gebraucht werden.

Was steckt hinter dem Namen „Enfants Artspace“?

Das geht zurück auf die Internet-Agentur „Enfants Terribles“, für die Alex und ich lange gearbeitet haben, und die nach dem New-Media-Hype irgendwann eingestampft wurde. Alex hatte immer vor, sie mal wieder aufleben zu lassen. Und irgendwie hat das Konzept jetzt ganz gut gepasst, die „Enfants Terribles“ als Büro für Gestaltung und der „Enfants Artspace“ als angeschlossener Kunstraum. Obwohl ich mir die Sprachbarriere eigentlich nicht so hoch vorgestellt habe. Von „Entfants“ bis „Ongfong“ ist in der mündlichen Überlieferung alles dabei.

War es schwierig, den Traum von der eigenen Galerie zu verwirklichen?

Ja, in Hamburg ist dieser Markt sehr umkämpft und Schnäppchen sind rar. Wir waren schon etwas betrübt, weil fast alles, was uns im Laufe eines Jahres angeboten wurde, picobello hergerichtet und dementsprechend preislich verordnet war. Und dann fanden wir durch Zufall diesen Laden. Wir mussten sehr viel Arbeit in die Herrichtung stecken, aber das hat auch den Vorteil, dass es sich jetzt so anfühlt, als hätten wir uns den Laden wirklich erarbeitet.

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Waren deine Kontakte, die du durch deine Tätigkeit als Fotograf hast, für dich hilfreich?

Ich habe in den letzten 10 Jahren viel ausgestellt, deutschlandweit und auch bis Wien und Zürich. Vor allem, nachdem ich 2010 mein Buch gemacht habe. Überall bin ich auf Leute gestoßen, die meinen Bildern einen Raum gegeben haben, und es ist schön, davon jetzt wieder etwas zurückgeben zu können. Jetzt hole ich die Leute nach Hamburg, deren Sachen ich mag – im ersten Jahr gibt es neben Leuten aus Hamburg auch schon Aussteller aus Belgien, Polen und Kanada.

Ist Enfants Artspace eher ein Luxus-Hobby oder ein Nebeneinkommen?

Hahaha, Einkommen wäre ja schön, aber dazu sind die Kosten zu hoch. Wir verstehen uns nicht als Galerie, die eine ordentliche Provision bekommt oder eine teure Raummiete aufruft, sondern als freier Raum, in dem auch Dinge passieren dürfen, die nicht durchkalkuliert und knallhart lukrativ sind. Da bin ich schon froh, wenn es sich halbwegs trägt oder die Unkosten zumindest in Grenzen bleiben. Als florierendes Geschäftskonzept ist das Ganze nicht angelegt. Dafür haben wir uns quasi eine Freiheit erkauft, die ich sehr schätze.

Fotografie, Galerie jeweils mit Internet-Präsenz und Auftritten in sozialen Medien, Interviews geben – ganz schön viel Arbeit, bleibt da noch Zeit fürs Privatleben?

Es war für mich eine bewusste Entscheidung, nicht mehr 9to5 plus Überstunden in einer Agentur zu sitzen, wie ich das lange gemacht habe. Dadurch kann ich das leisten. Unsere Arbeit wird eh immer flexibler und projektbezogener, da entstehen dann auch Freiräume, die man nutzen kann. Zum Schluss merkt man ja doch, ob‘s wirklich klappt mit der Work-Life-Balance und ob das Wochenende reicht, um wieder aufzutanken oder ob man insgeheim schon länger ein Defizit mit sich herumschleppt.

Ihr möchtet ja auch jungen noch nicht so bekannten Künstlern eine Chance geben. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Künstler aus?

Im ersten Jahr mussten wir zunächst ein bisschen auf unsere eigene Positionierung achtgeben. Hätten wir gleich drei oder vier Fotoausstellungen gemacht, wären wir auch in dieser Schublade gelandet und wir wollten zu Anfang deutlich machen, dass wir uns thematisch nicht einschränken. Nach mittlerweile 5 Ausstellungen mit Typografie, Illustration, Buchrelease und Fotografie ist das jetzt etwas klarer. Das spiegelt sich auch in den Bewerbungen wider.

Die Größenordnung der Aussteller ist durch unsere Raumgröße schon ziemlich begrenzt. Wobei ich ehrlich gesagt überrascht war, wie viele Bilder ich auf meiner Eröffnungsausstellung aufhängen konnte – das war auch nicht weniger als in „richtigen“ Galerien. Ich hörte aber auch schon, dass der Raum extra ausgesucht wurde, weil es nicht so viel Angst macht, ihn zu füllen, weder mit Exponaten noch mit Leuten. Das finde ich super. Mir ist sehr wichtig, auch Leute dabeizuhaben, die diesen Schritt zum ersten Mal machen und dabei noch ganz unsicher sind. Ich wurde zu meiner ersten Ausstellung damals quasi auch gezwungen – und ich bin dafür im Nachhinein sehr dankbar.

Kennst du die meisten ausstellenden Künstler persönlich?

Nein. Das ist ja auch der Sinn der Sache, neue Leute kennenzulernen mit den spannenden Sachen, die sie machen. Natürlich schleppe ich als Fotograf immer wieder Leute an, die ich mag, aber es bewerben sich auch genug Leute von den Schulen, die mir bisher gar nicht aufgefallen sind. Die Mischung ist gut. Wir versuchen auch immer wieder ganz unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen. Im September zum Beispiel treffen sich bei uns mehrere Fotografen, Live-Bands und Streetartists zum Refugee-Thema – sicher eine spannende Begegnung.

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Momentan sind die Ausstellungen monatlich. Möchtest du in Zukunft die Frequenz der Ausstellungen erhöhen oder verfährst du nach dem Prinzip Qualität geht über Quantität?

Das hat seine natürliche Kapazitätsgrenze. Jede Ausstellung bringt einen Riesenschwung an Korrespondenz mit sich. Aufbau, Nachbereitung und Social Media kosten viel Zeit. Wir machen das ja nicht hauptberuflich, sondern haben unter der Woche tatsächlich noch einen „richtigen“ Job. Wir können also maximal eine Monats-Ausstellung und vielleicht noch eine Buchrelease-Tagesveranstaltung leisten. Bisher ist es so, dass ich mich auf jede Vernissage freue. Und das soll auch nicht verloren gehen.

Würdest du rückblickend sagen, dass du alles richtig gemacht hast oder würdest du heute etwas anders anpacken?

Für mich selbst entscheide ich, dass das Ding, so wie es ist, ganz erfolgreich läuft. Du stößt logischerweise auch immer wieder an Grenzen, aber es lohnt sich für mich, was den Spaß und den Nutzen angeht. Das liegt vor allem daran, so denke ich, dass wir alle drei schon etwas älter sind, etwas klüger als mit 20 und besser wissen, was wir brauchen zu unserem Glück. Ich habe gelernt, wie viel mir diese Freiräume bedeuten und dass es sich um sie zu kämpfen lohnt. Es gibt bestimmt ganz verschiedene Wege zu diesem Ziel. Jetzt gerade merke ich zum Beispiel, dass mir die Kraft, die ich hier investiere, in meiner eigenen Fotografie natürlich wieder fehlt. Diese Kräftebalance muss ich immer wieder überprüfen. Für den Moment fühlt es sich gut an.

Hast du deine Entscheidung schon einmal bereut?

Es gibt diese Momente, wo du im Kunsthaus Wien sitzt und Angst hast, dass gar keiner zu deiner Ausstellung kommt, obwohl du dafür deinen ganzen Jahresurlaub investiert hast – in dem Moment fragst du dich kurz, warum du das alles eigentlich machst und grad nicht einfach am Strand liegst. Aber die meiste Zeit stellt sich diese Frage nicht. Im Grunde hast du ja gar keine Wahl. Das Leben mit der Kunst und für die Kunst sucht man sich nicht wirklich aus, es passiert zwangsläufig. Das geht mir so und jedem Aussteller bei uns wohl auch ganz ähnlich.

Wenn ein Künstler gerne eine Galerie eröffnen würde, welchen Tipp würdest du ihm geben?

Wenn mir jemand davon erzählt, dass er schon immer z. B. ein Café oder ein Geschäft eröffnen wollte, dann ertappe ich mich dabei, diesen Wunsch insgeheim in Frage zu stellen. Denn zwischen dem Idealbild des eigenen Ladens und der tatsächlichen Arbeitslast ist der Erfolg damit von so vielen Faktoren abhängig, die man nicht vorhersehen kann, dass man nicht zwangsläufig nach Jahren zurückschauen und sagen kann: „Das hat sich gelohnt.“ Ich kenne viele Leute, die sowas gestartet haben, und da passiert dann eine Menge Mist und natürlich auch unerwartet Tolles. Aber diese Erfahrung, der Weg, das Machen an sich war im Grunde das Ziel. Das muss man sich vorher klarmachen, schon bevor es losgeht. Je weniger das Ganze leisten muss, desto befriedigender wird die Erfahrung sein und je gelassener man selbst sein kann, desto besser läuft dann auch alles, ganz von selbst.

Erst als Fotograf arbeiten, dann ein Buch herausbringen, dann eine Galerie eröffnen – was kommt als Nächstes?

Ich sehe das nicht als logische Folge, als Progression, sondern eher als ein Nebeneinander von Erzählsträngen. Ich hatte auch vor 10 Jahren schon einmal eine Galerie, mit anderen Leuten aus anderen Gründen. Ich habe sehr viel Zeit an unserer Schule verbracht, dann wieder mehr in Agenturen, schließlich sehr viel in Communities. Ich mache bestimmt bald ein zweites Buch. Und jetzt bekomme ich wieder mehr Kontakt zum Hamburger Nachwuchs an den Schulen, weil sie hier ausstellen. Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass es in meinem Leben noch eine ganze Zeit lang so weitergeht. Die Fragen, mit denen sich Künstler beschäftigen, bleiben die gleichen und die Antworten, die jeder für sich dazu formulieren kann, bleiben individuell und spannend. It’s a work in progress.

Danke für das Gespräch, Rüdiger!

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Rüdiger Beckmann

www.enfants.de