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Geht es dem Bargeld bald an den Kragen? Technische Alternativen gibt es bereits. Die modernsten Bezahlverfahren basieren auf der „Mobile Wallet“, einer digitalen Geldbörse im Smartphone. Sie gelten als komfortabel und sicher. Wir wagen einen Blick in die Zukunft, wie ein Tag ohne Bargeld bei einer ganz normalen Familie aussehen könnte.

Wenn es Taschengeld bei Familie Schneider gibt, erinnert es ein wenig an eine Raubtierfütterung: Die Kinder stehen ungeduldig im Halbkreis. Papa Simon öffnet auf dem Smartphone eine App, mit der er den jeweils abgemachten Betrag via Bluetooth auf die Mobiltelefone seiner Tochter und seiner beiden Söhne hinüberwischt. In Echtzeit landet das Geld auf den Handys der Kinder. „Bargeld? Oh ja, das war echt umständlich“, erinnert sich Simon Schneider, „das benutzt heute ja kein Mensch mehr. Also wenn es jetzt zum Jahresende offiziell abgeschafft wird, werde ich es sicher nicht vermissen.“ Es ist ein schöner Frühlingstag im Jahr 2026.

Sein eigenes Taschengeld hat Simon Schneider noch in Form von Münzen erhalten, doch das ist Nostalgie – genauso wie das Portemonnaie aus Leder, in dem er früher auch Banknoten, Karten und Ausweise aufbewahrt hatte. Jetzt befindet sich all das – und noch einige Türschlüssel dazu – digitalisiert in der „Mobile Wallet“ seines Smartphones. Die macht Simon Schneider auch selbst mobil, denn sie enthält die verschlüsselten Zugangsdaten zum Carsharing-Elektroauto, das 50 Meter entfernt steht. Doch heute entscheidet sich der Familienvater für den Bus. Das Ticket bekommt er, dank des NFC-Chips im Smartphone, kontaktlos und sekundenschnell.

Abends gibt’s für die ganze Familie Pizza. Die bringt der Bote per E-Bike frei Haus: Beim Bestellen hat Sophia Schneider gleich mit ihrer paydirekt-App  bezahlt, dem Restaurant wurde der Betrag schon gutgeschrieben, bevor die Pizzen überhaupt in den Ofen kamen.

Ist all das Zukunftsmusik? Zugegeben: Dass das Bargeld in zehn Jahren abgeschafft werden könnte, ist eine ziemlich kühne These. Doch die Alternativen gibt es bereits. Alle beschriebenen Funktionen der „Mobile Wallet“ sind heute schon technisch möglich – und mehr oder weniger realisiert. Die Herausforderung besteht in erster Linie darin, einheitliche Standards und eine größere Akzeptanz bei allen beteiligten Akteuren zu schaffen. Dänemark ist im mobilen Bezahlen bereits sehr fortschrittlich.

Können Sie sich vorstellen, dass wir in zehn Jahren kein Bargeld mehr in Deutschland haben werden?

Man kann es auch so sehen: Die mobile Geldbörse mit der Möglichkeit zum kontaktlosen Bezahlen ist die neueste und komfortabelste Spielart des bargeldlosen Zahlens, das ja an sich nichts Neues ist. Manch ältere Variante des Bezahlens ohne Bargeld – wie die besonders in den 70er und 80er Jahren beliebten Eurocheques – kennen die Jüngeren heute schon gar nicht mehr.

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Wenn auch langsam – das Bargeld ist auf dem Rückzug

In Belgien, Finnland, Irland und den Niederlanden wird beim Bezahlen an der Ladenkasse in der Regel auf den nächsten Fünf-Cent-Betrag auf- oder abgerundet, um auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen und die damit verbundenen Handling-Kosten verzichten zu können. Auch in der deutschen Stadt Kleve unternahm der Einzelhandel 2016 einen Versuch, die Kleinstmünzen per Auf- oder Abrunden zurückzudrängen. Seit Frühjahr 2018 sind die Händler auf Wunsch der Kunden aber wieder zur herkömmlichen Praxis zurückgekehrt.

Um ein ganz anderes Motiv geht es beim 500-Euro-Schein, der seit Jahresende 2018 nicht mehr von den Notenbanken in Umlauf gebracht wird: Die Europäische Zentralbank begründet die Abschaffung mit der Annahme, dass Scheine mit hohen Nennwerten Krimiellen die Geldwäsche erleichtern. Die Gültigkeit im Zahlungsverkehr wird die 500-Euro-Note aber vorerst nicht verlieren. Und bei den Notenbanken kann sie auf jeden Fall zeitlich unbegrenzt eingetauscht werden.

Was spricht für das Bargeld?

Ein wichtiges Argument für Bargeld ist eigentlich kein rationales, sondern die starke emotionale Beziehung, die viele Menschen zu Scheinen und Münzen entwickelt haben. Den Besitz von Bargeld setzen viele außerdem mit einer gewissen Unabhängigkeit gleich. Denn sie haben Bedenken, dass eine Abschaffung des Bargelds dem Staat die vollständige Kontrolle ermöglichen und damit einen weiteren Einblick in die Privatsphäre verschaffen könnte. Gerade diese Argumente werden der Bargeldabschaffung seit langem entgegengehalten.

Nach Ansicht von Finanzcoachs und Schuldnerberatern kann die Existenz von Bargeld zudem eine wichtige pädagogische Dimension besitzen. Es könne vielen Menschen helfen, besser zu lernen, wofür das Geld ausgegeben werde – und somit den Überblick über die finanzielle Situation zu behalten. Dies hänge mit der „haptischen“ Qualität des Bargelds zusammen – also dass man es buchstäblich mit den Händen greifen kann. Möglicherweise ist hier auch die Kreativität der Entwickler gefragt, das Geld und seinen Wert auf den mobilen Endgeräten für uns Verbraucher plastischer, sinnlich besser erlebbar darzustellen.

Eine Bank in Neuseeland hat vorgemacht, wie das gehen könnte: Mit einem knallgelben digitalen Sparelefanten für Kinder. Wenn über ein Smartphone Geld „eingeworfen“ wird, zeigt ein Display in Echtzeit, wie sich das Guthaben vermehrt.