TARGOBANK Chefvolkswirt Otmar Lang zur aktuellen Wirtschaftslage

Düsseldorf, 7. Juni 2017

„Draghis Zögern und die Risiken“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur morgigen Sitzung der EZB

Das wird wieder schwierig für die Falken – die morgige Sitzung der Europäischen Zentralbank wird denjenigen Ratsmitgliedern, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten, wahrscheinlich wenig Aufwind verschaffen.

Denn die Inflation im Euroraum ist in einen Sinkflug übergegangen. Daran wird sich auch in den kommenden Monaten nicht viel ändern. Das Preisziel von knapp 2 Prozent scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Deshalb können auch die guten Konjunkturdaten von den Tauben im EZB-Rat leichter weg argumentiert werden.

Wir gehen daher davon aus, dass EZB-Chef Draghi bei seiner Forward Guidance keine signifikante Anpassung vornehmen wird. Zumal er bis zuletzt noch betont hat, dass ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung immer noch notwendig ist.

Möglicherweise wird Draghi anders als in der Vergangenheit die sich belebende Konjunktur im Euroraum – sicher zur Freude der Falken – stärker in den Vordergrund stellen. Diese Vorgehensweise würde es ihm erleichtern, gegebenenfalls im Herbst zu verkünden, dass das Volumen der monatlichen Anleihekäufe im kommenden Jahr sinken wird.

Aber auch hier müsste er sich eigentlich Zurückhaltung auferlegen. Denn falls er seine Formulierungen nicht sehr vorsichtig wählt, könnte das den Euro nochmals treiben – und daran wären nicht einmal die Falken interessiert.

Insgesamt birgt Draghis Zögern Risiken. Sollte die Konjunktur im Euroraum wieder zur Schwäche neigen, könnte die EZB kaum helfend eingreifen. Ihr Munitionsdepot ist ziemlich leer. Doch das scheint den EZB-Chef weniger zu interessieren.

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Düsseldorf, 27. April 2017

„Wird Draghi zum Getriebenen?“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur Sitzung der Europäischen Zentralbank

Die heutige Entscheidung der EZB, den Leitzins unverändert zu belassen, überrascht nicht. Denn dass Mario Draghi so kurz vor der Stichwahl in Frankreich seinen lockeren geldpolitischen Kurs ändern würde, war unwahrscheinlich.

Doch im Kessel brodelt es: Zum einen haben sich die Stimmungsindikatoren für die Eurozone seit der letzten EZB-Zinssitzung entgegen den Erwartungen weiter klar verbessert – sie signalisieren für die Eurozone inzwischen immerhin ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent. Zum anderen haben sich einige der geopolitischen Risiken, die die Konjunkturentwicklung lähmen könnten, abgeschwächt: Die USA sind auf Annäherungskurs – China ist zumindest in Donald Trumps Augen doch kein Währungsmanipulator mehr. Auch das Thema Handelsprotektionismus scheint entschärft. Die Stichwahl um das französische Präsidentenamt am übernächsten Sonntag birgt nur noch wenig Bedrohungspotenzial. Für Nervosität sorgt allenfalls die Situation in Nordkorea.

Vor diesem Hintergrund dürfte es Draghi immer schwerer fallen, die Falken im EZB-Rat – also diejenigen Mitglieder, die eher eine restriktive Geldpolitik befürworten – ruhig zu halten. Seine Argumente gegen einen geldpolitischen Richtungsschwenk sind vor allem die Gefahr eines stärkeren Euro und schneller als erwartet steigende Renditen an den Rentenmärkten. Schon die Erleichterungs-Rallye an den Devisenmärkten sowie die Kursrückgänge an den Rentenmärkten nach der ersten Abstimmung zur französischen Präsidentschaftswahl gaben der EZB einen Vorgeschmack darauf, was ein Schritt in Richtung Zinsnormalisierung für die Märkte bedeuten würde.

Und doch: Die Wahrscheinlichkeit, dass die europäischen Währungshüter eher früher als später wieder eine härtere geldpolitische Gangart einlegen, ist gestiegen. Diesen Geist bekommt Draghi wahrscheinlich nicht mehr in die Flasche zurück. Möglicherweise treiben fortan die Märkte die EZB und nicht mehr umgekehrt.

 

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Düsseldorf, 9. März 2017

„Worauf wartet die EZB noch?“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur Sitzung der Europäischen Zentralbank

Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinspolitik nicht verändert – wie erwartet. Dabei stellt sich die Frage: Worauf wartet sie eigentlich noch? Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone ist recht robust, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Kreditvergabe steigt. Die Preisentwicklung lässt die EZB aber weiter zögern. Dabei ist das Ziel von Europas obersten Währungshütern – eine Inflation von zwei Prozent – eigentlich erreicht. Doch weil hierbei die stark schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise mit berücksichtigt sind, hat Mario Draghi die Kerninflationsrate im Blick. Diese liegt mit aktuell 0,9 Prozent in den Augen der EZB immer noch zu niedrig. 1,5 Prozent müssten es wahrscheinlich schon sein, damit die Notenbanker bereit sind, ihre Geldpolitik endlich zu ändern.

Entsprechend vorsichtige Signale hat die Zentralbank gesetzt: Sie hat die Inflationsprognose im Euroraum für das laufende und das kommende Jahr erhöht. Auch wenn Draghi einer Abkehr von der lockeren Geldpolitik nicht das Wort geredet hat, dürfte diese Anpassung die Debatte über einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik eher weiter befeuern. Dazu kommt sein Hinweis, dass die Konjunkturrisiken kleiner geworden sind.

Damit scheint klar: Die EZB wird geldpolitisch nicht noch einmal nachlegen. Der nächste Schritt wird eine Drosselung der Anleihekäufe (Tapering) sein. Die neue Marschrichtung hätte zwei klare Botschaften:

  1. Die Party an den Rentenmärkten hat ihren Höhepunkt überschritten.
  2. Und die Staatsschulden in Europa bestimmen künftig nicht mehr die Geldpolitik.

Wann sich Mario Draghi endlich dazu durchringt, das Ende des Taperings zu starten, bleibt vorerst weiter unklar. Vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen in Europa rechnen wir nicht vor September mit klaren Hinweisen zum Timing.

 

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Düsseldorf, 1. März 2017

„Fundamentaldaten sind wichtiger als die politische Stimmung!“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur Rede von Präsident Donald Trump vor dem US-Kongress und zur derzeitigen Stimmung an den Aktienmärkten

Wieder einmal kommt es anders als erwartet: Obwohl Donald Trump vor dem Kongress konkrete Aussagen zu seiner geplanten Steuerreform schuldig blieb, reagieren die Börsen positiv. Die meisten Analysten hatten für genau diesen Fall Kursverluste vorausgesagt.

Einig ist sich das Gros der Analysten aber nach wie vor, dass die Märkte im Herbst fallen werden – weil Trump spätestens bis dahin entzaubert sein wird. 30 Prozent der von Sentix befragten Analysten erwarten sogar, dass Präsident Trump seine erste Amtszeit nicht durchstehen wird.

Es bleibt festzuhalten: Insgesamt wird derzeit weltweit sehr stark auf die Politik geachtet – und viel zu wenig auf die fundamentalen Daten. Denn die Aussichten sind trotz der negativen politischen Stimmung positiv.

So zeigt der Morgan Stanley-Welthandel-Frühindikator deutlich nach oben. Demnach könnte sich der globale Handel in den kommenden Monaten deutlich erholen, was wiederum ein sehr positives Signal für die Aktienmärkte wäre. Ein Zuwachs von bis zu zehn Prozent ist möglich. Das überrascht gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen über einen zunehmenden Handelsprotektionismus.

Aufgrund der globalen Konjunkturbelebung, die durch einen Anstieg der Einkaufsmanager-Indikatoren und OECD-Frühindikatoren untermauert wird, zeichnet sich auch eine allmähliche Wende bei den Unternehmensgewinnen ab. Das sollte den Schrecken vor den teilweise hohen Bewertungen nehmen.

Die Aktien, gemessen im Weltaktienindex MSCI Welt, könnten entgegen den Erwartungen im laufenden Jahr noch deutlich zulegen, insgesamt um rund 20 Prozent. Auch die gestern veröffentlichten US-Konjunkturdaten (Chicago- und Richmond Einkaufsmanagerindex sowie das Conference Board Verbrauchervertrauen) lassen allesamt unverändert auf eine anhaltende Erholung der US-Wirtschaft schließen. In dieses Bild passt auch die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer US-Zinsanhebung im März.

Rein nach Faktenlage – unter Ausschluss der politischen Risiken – ist der globale Konjunkturausblick also sehr positiv zu werten. Doch schon der ehemalige Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard wusste: „Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie“. Wenn sich alle an Trumps Politik reiben, sinkt die Stimmung, auch an den Märkten. Auch wenn die Fundamentaldaten in eine andere Richtung zeigen.

 

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Düsseldorf, 2. Februar 2017

„Zinsentscheidung wird zur Glaubensfrage für die FED“

Wie erwartet hat die FED die Zinsen heute unverändert gelassen. Deutlich spannender ist die Frage, was mehr Relevanz für die Entscheidung der US-Notenbank hatte: die US-Fundamentaldaten oder das politische Getöse Trumps?

Bereits in seiner ersten Amtswoche hat US-Präsident Donald Trump mit seinen Entscheidungen für Aufregung und Empörung gesorgt – auch wenn die Details und die konkreten Folgen für die US-Wirtschaft in vielen Fällen noch nicht absehbar sind. Darüber hinaus hat Trump zu seinen angekündigten Wachstumstreibern wie den geplanten Steuersenkungen und dem Infrastrukturprogramm bislang noch keine Details verlauten lassen. Diese durch Unsicherheit geprägte Nachrichtenlage spricht dafür, mit Zinsanhebungen noch zu warten.

Erfreuliche Fundamentaldaten sprechen für baldige Zinserhöhung

Die Fundamentaldaten vermitteln aber eine andere Botschaft: Die US-Konjunktur und insbesondere die US-Stimmungsindikatoren fallen derzeit sehr positiv aus, auch die Unternehmensgewinne entwickeln sich günstig – Argumente für Notenbankchefin Janet Yellen, den nächsten Zinsschritt schon bald zu wagen.

Bislang war die FED-Chefin dafür bekannt, sich nicht allzu stark durch die Politik beeinflussen zu lassen. Ihre Entscheidungsbasis waren stets die Fundamentaldaten, die aktuell unverändert für drei Zinsanhebungen im Laufe des Jahres sprechen. Das kann sich jetzt ändern. Die nächste Zinsentscheidung der FED wird möglicherweise zu einer Glaubensfrage zwischen ökonomischen Fakten und politischer Ungewissheit.

Wir denken, dass die FED die erste Zinserhöhung 2017 eher früher als später wagen sollte. Denn auch wenn Trumps Wirtschaftspolitik das Wachstum auf Dauer belastet, könnten dennoch Inflationserwartungen geweckt werden. Eine entsprechende „forward guidance“ könnten die US-Notenbanker schon bald nachreichen.

 

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Düsseldorf, 12. Januar 2017

„Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr in Deutschland zu sprechen“

Nun hat das Statistische Bundesamt auch offiziell eine „spürbare Beschleunigung“ beim Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende hin bestätigt. Während Ökonomen und Politiker in Deutschland schon wieder die großen Inflationsängste für 2017 schüren, raten wir zur Gelassenheit.

Tatsache ist: Die Inflationsrate erreichte in Deutschland im Dezember 2016 den höchsten Stand seit 2013. Im Vergleich zum Vormonat hat sich die Jahresteuerungsrate fast verdoppelt, auch im Euroraum zog sie deutlich an.

Der Anstieg der Inflationsrate in Deutschland und in Europa ist jedoch maßgeblich auf die Entwicklung der Rohstoffpreise, insbesondere der Energiepreise, zurückzuführen. Der lang anhaltende Verfall beim Ölpreis ist im vergangenen Jahr zu Ende gegangen. Der Ölpreis, der im Dezember 2015 noch bei 38 US-Dollar lag, ist im Dezember 2016 auf über 50 US-Dollar gesprungen – ein Anstieg von knapp 40 Prozent. Weil der Energieanteil an den deutschen Lebenshaltungskosten signifikant ist, hinterlässt ein so massiver Anstieg auch merkliche Spuren bei der allgemeinen Inflationsentwicklung.

Es wäre falsch, aktuell von einer Inflationsgefahr zu sprechen; genauso falsch war es in den vergangenen Jahren, wegen fallender Ölpreise eine Deflationsgefahr herbeizureden.

Wichtig ist aus unserer Sicht, die allgemeine Preisentwicklung ohne die Entwicklung der Energiepreise zu betrachten. Die EU veröffentlicht eine solche Erhebung für den Euroraum, schließt dabei aber auch die ebenfalls recht volatilen Nahrungsmittelpreise aus. An der Entwicklung dieser Zeitreihe erkennt man sehr schön, dass in der Vergangenheit keine Deflation drohte. Die Preise haben lediglich – analog zur Konjunkturentwicklung – „durchgeatmet“. Jetzt könnte das Pendel in die andere Richtung ausschlagen.

Geringe Gefahr für starken Ölpreisanstieg in 2017

Wir halten das Risiko eines starken Ölpreisanstiegs im weiteren Verlauf des Jahres für gering. Je höher der Ölpreis steigt, desto stärker steigt in den USA die Schieferölförderung. Denn ab dem aktuellen Rohölpreisniveau steigt die Rentabilität der Fracking-Technologie rapide. Je stärker aber die Förderung ansteigt, umso größer das Öl-Angebot und desto geringer die Gefahr eines weiter steigenden Ölpreises.

Das bedeutet aus unserer Sicht: Auf die jüngste Aufwärtsbewegung bei den Verbraucherpreisen werden weder die Europäische Zentralbank noch die Börsen nennenswert reagieren. Anders als von vielen Experten prophezeit, wird die aktuelle Entwicklung der Verbraucherpreise also weder das Ende der lockeren Geldpolitik in der Eurozone einleiten, noch wird es zu einer Beschleunigung der Zinswende an den Rentenmärkten kommen.

 

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Düsseldorf, 15. Dezember 2016

MARKTAUSBLICK 2017

„2017 müssen die Aktienmärkte mit Gegenwind rechnen“

Die FED hat wie erwartet die Zinsen um einen Viertelprozentpunkt angehoben. Das dürfte der Beginn einer ganzen Reihe von Zinsschritten sein – drei oder sogar vier sind 2017 aus unserer Sicht denkbar. Hier wird sich die FED aber noch nicht festlegen: Stattdessen wird sie abwarten, wieviel von dem wirtschaftsfreundlichen „Trumponomic“-Programm am Ende tatsächlich umgesetzt wird.

Fährt die FED tatsächlich konsequent den Kurs der Zinswende, wird der Dollar sehr schnell die Parität zum Euro erreichen. Und das würde US-Aktien in 2017 nicht gut tun. Außerdem dürften die Renditen von US-Anleihen deutlich anziehen. Infolgedessen würde die relative Attraktivität von Aktien zu Anleihen sinken, sodass sich der Anlagenotstand abbauen würde. Das würde wegen der Sogwirkung der US-Treasuries für die Aktienmärkte weltweit gelten, wenngleich auch etwas abgeschwächt.

Abstriche könnten nötig werden

Zum anderen wird an den Börsen jetzt bereits alles Gute der Trumponomics eingepreist. Die Hoffnungen der Marktteilnehmer auf eine für amerikanische Unternehmen günstige Wirtschaftspolitik, die sich auch weltweit positiv auswirkt, spiegelt auch die aktuelle Jahresendrallye deutlich wider. Dass hier jedoch aus verschiedenen Gründen Abstriche gemacht werden (müssen), scheint bislang niemand einzukalkulieren. Im nächsten Jahr werden diese Abstriche zu „Enttäuschungen“, die sich wiederum in Kursverlusten äußern – und zwar nicht nur in den USA. Die Aktienmärkte müssen also 2017 mit Gegenwind rechnen.

Plus acht Prozent für Aktienmärkte bis Ende 2017

Je mehr von der „Trump-Dividende“ bereits in den diesjährigen Kursen enthalten ist, desto geringer fällt die Aktienperformance in 2017 aus. Da wir nicht abschätzen können, was bis Ende des Jahres eingepreist wird, legen wir uns für die Performance in 2017 nicht fest, gehen aber davon aus, dass von heute bis Ende Dezember 2017 die Aktienmärkte gut acht Prozent zulegen können.

Politische Szenarien versprechen Kontinuität und Stabilität – auch für die Märkte

Die anstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland machen uns im Gegensatz zu vielen anderen Marktteilnehmern keine Angst. Wir sind der Überzeugung, dass François Fillon, der neue Kandidat der französischen Konservativen, dem Front National das Wasser erfolgreich abgraben kann.

In Deutschland erscheint uns eine Regierung ohne die CDU undenkbar. Wir erwarten eine von Angela Merkel geführte Koalition, über deren Zusammensetzung wir nicht spekulieren möchten.

Beide Szenarien stehen für Stabilität in Europa und sind deshalb als aktienfreundlich zu werten.

 

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Düsseldorf, 9. November 2016

„Nach Trumps Wahlsieg müssen FED und Kongress schnell Leitplanken setzen“

Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur Wahl in den USA

Trump hat die US-Wahlen gewonnen. Was heißt das für die Börsen? Sie richten sich mittel- bis langfristig an den Fundamentaldaten aus, die in den USA aktuell positiv erscheinen. Daran kann auch Trump nichts ändern. Denn ohne den Kongress kann er nicht regieren. Dass der Kongress Entscheidungen treffen könnte, die ganz offensichtlich den Interessen der USA schaden, möchten wir ausschließen.

Trotzdem ist der US-Wahlausgang schwere Kost für die Börsen. Die Aktienmärkte weltweit werden unter einer hohen Volatilität leiden, der US-Dollar dürfte sich zum Euro abschwächen, und auch die Zinswende könnte nochmals verschoben sein. Ganz bitter könnte es sogar für die Emerging Markets Märkte kommen. Gold als Krisenwährung wird gewinnen.

Grundsätzlich gilt: Wahlkampf-Getöse ist das eine, Regieren das andere. Würde Donald Trump tatsächlich wie angekündigt mehr als 11 Millionen illegale Zuwanderer zurückschicken, würde die Zahl der Erwerbstätigen in den USA um mehr als 5 Prozent schrumpfen. Tatsächlich umsetzbar erscheint Experten immerhin, dass Donald Trump über mehrere Jahre bis zu einem Drittel abschieben könnte. Das entspräche immer noch 1,7 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Der Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre wäre also ausradiert, was das Wachstum negativ beeinflussen würde.

Die kommenden Wochen und Monate stehen im Zeichen der Unsicherheit. Darunter dürfte der Binnenkonsum ebenso leiden wie die Investitionsneigung von US-Unternehmen. Sie treibt vor allem die Angst vor einem Handelskrieg um. Immerhin kündigte Donald Trump im Wahlkampf Strafzölle gegen China und Mexiko von 45 bzw. 35 Prozent an. Positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit von US-Unternehmen dagegen könnte sich eine zügige Unternehmenssteuerreform auswirken, für die Trump u.a. eine Steuersenkung von 35 auf 15 Prozent in Aussicht gestellt hatte.

Dennoch ist kurzfristig mit Wachstumseinbußen zu rechnen. Das wird den Börsen wehtun. Wie weh, wird vor allem von der amerikanischen Notenbank FED abhängen. Diese dürfte die geplante Zinserhöhung im kommenden Monat zumindest auf das Frühjahr verschieben. Sie muss sich nur sehr bald zur neuen Lage äußern – ebenso wie auch der Kongress klar machen muss, was er bereit ist mitzutragen. Es sei denn, Trump selbst rückt von seinen Wahlkampfaussagen schnell wieder ab.

Wenn diese Unsicherheit anhält, ist an den Börsen mit länger anhaltenden Kursschwankungen zu rechnen, die sich nicht so schnell ad acta legen lassen wie beim Brexit. Dafür würde schon alleine der unkonventionelle Stil des neuen Präsidenten sorgen.

 

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Düsseldorf, 20. Oktober 2016

„Suggerieren, ohne etwas zu sagen“

Sie macht das schon sehr geschickt, die EZB. Auch wenn man ihr Spiel nicht mag – Europas obersten Währungshütern gelingen immer wieder strategische Schachzüge.

EZB-Chef Mario Draghi hat sich heute nicht dazu geäußert, wie es mit dem Anleihe-Ankaufprogramm weiter geht. Zumindest nicht direkt. Zuletzt gab es Marktgerüchte, die EZB könnte bereits vor Auslaufen des Programms im kommenden Frühjahr die Geldflut wieder drosseln. Doch Draghi verschiebt einfach die Entscheidung, wahrscheinlich bis Dezember. Und das ist gut so!

Denn: Zum einen steigen die Zinsen ganz leicht; das gibt den Banken etwas Luft zum Atmen und erhöht für die EZB das Volumen der potenziell erwerbbaren Anleihen. Zum anderen bekommt bei nicht mehr fallenden Zinsen die Blase an den Aktien- und Immobilienmärkten weniger Luft. Und zum dritten bekommt die EZB Anschauungsunterricht, wie die Märkte auf eine entsprechende offizielle Ankündigung reagieren würden. Klingt gut für alle Seiten und irgendwie auch nach einer Strategie.

Wir rechnen allerdings nicht mit einem baldigen Ausstieg; das aktuelle Programm könnte im März 2017 sogar erneut für ein halbes Jahr verlängert werden.

Dass sich die EZB heute noch nicht darauf festgelegt hat, wie es mit dem Anleihe-Ankaufprogramm weiter geht, ist ihre Kunst, den Märkten etwas zu suggerieren, ohne etwas zu sagen. Wenn einer das kann, dann Draghi. Auf diese Weise kann er schon im Vorfeld einem möglichen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik die Schockwirkung nehmen.

 

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Düsseldorf, 6. Oktober 2016

„IWF-Prognose mahnt zur Vorsicht“

Die jüngste Prognose des IWF bestätigt uns in der aktuellen Anpassung unserer Anlagestrategie: Zum einen fahren wir unsere einseitig auf Industrieländer ausgerichtete Aktienstrategie etwas zurück – zugunsten von Engagements in die Emerging Markets, vor allem im asiatischen Raum, aber auch in Russland. Zum anderen sind wir skeptisch, was die Aussichten für die Rentenmärkte im kommenden Jahr betrifft: Selbst wenn die US-Notenbank nur behutsam – so wie vom IWF angemahnt – die Zinsen anhebt, werden die Kurse an den weltweiten Rentenmärkten nachgeben.

„Stärkere Diversifizierung“

Wir raten daher in sehr defensiven und rentenlastigen Portfolios zum Ausbau von offenen Immobilienfonds. Diese versprechen eine stabile Verzinsung von mehr als zwei Prozent, was wir in Anbetracht der negativen deutschen Zinsstrukturkurve als sehr attraktiv ansehen. Insgesamt diversifizieren wir also unsere Portfolios stärker als in der Vergangenheit und tragen damit auch der gesenkten Wachstumsprognose des IWF, die zur Vorsicht mahnt, Rechnung.

Hintergrund

Der IWF hat abermals seine Prognosen für die globale Konjunktur gesenkt und zeigt sich insbesondere über die Industrieländer besorgt. Die USA könnten unter rückläufigen Unternehmensinvestitionen und steigenden Zinsen leiden, Großbritannien dürfte mit der Brexit-Unsicherheit kämpfen und in der Eurozone könnte sich das Wirtschaftswachstum in 2017 zum zweiten Mal in Folge abschwächen – und das, obwohl eine anhaltend lockere Geldpolitik und eine etwas expansiver ausgerichtete Fiskalpolitik einer konjunkturellen Abkühlung entgegenstehen.

Positiver sieht der IWF die Entwicklung in den Schwellenländen, vor allem im asiatischen Raum. Ganz offensichtlich rechnet der Internationale Währungsfonds damit, dass der Strukturwandel in China hin zu einem stärkeren Dienstleistungssektor und erhöhtem privatem Konsum gelingt. Allerdings bescheinigen die Experten vom IWF China auch Risiken wie z.B. das beschleunigte Kreditwachstum.

 

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Düsseldorf, 21. September 2016

„Notenbanken koordinieren ihre geldpolitischen Strategien“

Die FED lässt wie erwartet die Leitzinsen unverändert. Das überrascht nicht angesichts der aggressiven Verlautbarungen der Bank of Japan, die heute Morgen die Märkte bewegten. Die Japaner wollen in ihrer Notenbankpolitik neue Wege gehen, um die Inflation mit allen Mitteln herbeizuführen.

Vielleicht ist es aber auch ein Zugeständnis an die FED, wenn die Bank of Japan die 10-Jahres-Rendite für japanische Staatsanleihen bei 0 Prozent stabilisieren will. Denn die japanischen Renditen lagen zuletzt immerhin schon bei -0,30 Prozent.

Obwohl die Befindlichkeiten der beiden Notenbanken nicht zu vergleichen sind, scheinen FED und Bank of Japan ihre geldpolitischen Strategien zu koordinieren. Auch die EZB spielt mit: Sie hatte sich zuletzt überraschend zahm hinsichtlich einer weiteren Lockerung ihrer Geldpolitik geäußert.

Damit ist der Weg für eine US-Zinsanhebung im Dezember geebnet – quasi vorbereitet auf internationaler Ebene. In dieser globalen geldpolitischen Konstellation sollte die Sorge der amerikanischen Notenbank vor einem erhöhten Aufwertungsdruck auf den US-Dollar weniger schwer wiegen.

 

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Düsseldorf, 8. September 2016

„Atempause im geldpolitischen Harakiri“

Die Europäische Zentralbank verschärft ihr Quantitative-Easing-Programm vorerst nicht. Doch das ist wahrscheinlich nur eine Atempause im geldpolitischen Harakiri – die Türen für weitere monetäre Lockerungen bleiben sperrangelweit geöffnet.

Allerdings liest sich die bisherige Erfolgsbilanz der EZB äußerst bescheiden: Die Inflationsrate im Euroraum stieg nur unwesentlich vom Jahrestiefpunkt von -0,2% auf 0,2%. Sollte der Ölpreis nicht wieder überraschend nachgeben, könnte sie es bis zum Beginn des kommenden Jahres vielleicht auf rund 1% schaffen. Doch die entscheidende Kernrate – die Inflation ohne die volatilen Komponenten Energie und Lebensmittel – hat sich zuletzt wieder rückwärts entwickelt auf mäßige 0,8%.

Wirkungslose Medizin

Angesichts dieser Bilanz steht Europas oberste Notenbank eigentlich vor der geldpolitischen Kapitulation. Doch das kann sie sich nicht leisten. Auch wenn ihre Medizin nicht wirkt, muss die EZB immer wieder die Dosis erhöhen, um nicht völlig an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nur der leiseste Verdacht, dass Mario Draghi von seinen Maßnahmen selbst nicht mehr überzeugt ist, würde die Marktzweifel anfachen und Spekulanten Tür und Tor öffnen. Die EZB ist Gefangene ihrer eigenen Politik.

Und deshalb geht das Harakiri ohne Fangnetz und wissenschaftliche Aufarbeitung weiter. Die Gefahren für die Aktienmärkte werden dabei immer größer. Bleibt zu hoffen, dass exogene Schocks wie ein unerwarteter Konjunktureinbruch vermieden werden können. Dass die Industrieproduktion in Deutschland im Juli deutlich schlechter ausgefallen ist als erwartet, kann allerdings schon ein leiser Vorgeschmack sein. In diesem Fall bräuchten die Märkte dringend Medizin. Doch die Rezepte der EZB helfen dann nicht mehr.

 

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Düsseldorf, 1. September 2016

„Warum Finanzmarktprognosen derzeit Makulatur sind“

Chinas Wirtschaftsdaten sind widersprüchlich, das US-Verbrauchervertrauen überraschend hoch – die Verlässlichkeit der Prognosen für Weltkonjunktur und Finanzmärkte ist derzeit so gering wie selten zuvor.

Schon bei den Prognosen rund um den Brexit wurde das mehr als deutlich: Zum einen galt dieser als sehr unwahrscheinlich. Doch wenn er eintreffen würde – darin waren sich die Ökonomen fast alle einig – würde nicht nur Großbritannien in eine Rezession gestürzt, auch der Euroraum würde massiv leiden. Der Brexit kam – und die europäischen und englischen Aktienindizes notieren Wochen danach höher als zuvor. Und auch in Europa macht sich kein Wirtschaftsabschwung bemerkbar, sondern wichtige Stimmungsindikatoren ziehen leicht an.

Politische Unsicherheit ist groß

Es stellt sich die Frage, wo die verlässlichen Größen sind? Sie scheinen abhandengekommen zu sein. Fangen wir mit ganz fundamental wichtigen Entscheidungen an. In den USA stehen die Präsidentschaftswahlen an. Die beiden aktuellen Kandidaten verkörpern stark abweichende Vorstellungen über die außenpolitische und wirtschaftliche Rolle der USA. Beide Kandidaten können für ihr Land und auch die gesamte Welt sehr prägend werden. Auch wenn es einen Favoriten gibt, will sich kein politischer Beobachter bereits jetzt wirklich festlegen. Folglich sind die Indikatoren für politische Unsicherheit in den USA in die Höhe geschnellt und werden bis in den November hinein hoch bleiben.

Und was macht die wichtigste Notenbank der Welt, die US-Zentralbank? In den USA schien lange alles auf eine Zinsanhebung im Sommer 2016 hinauszulaufen. Im Frühjahr 2016 wurde dann ein Zinsschritt im laufenden Jahr ausgeschlossen, dann waren sich die Analysten einig, dass es im Dezember 2016 soweit sein würde. Inzwischen ist wieder der Termin im Herbst in den Fokus gerückt. Dabei ist eigentlich bekannt, dass die FED es kurz vor US-Präsidentschaftswahlen prinzipiell vermeidet, die Geldpolitik zu verändern. Es ist also weiter alles offen.

Weil die Meinungen über die Ausrichtung der US-Notenbankpolitik in den letzten Monaten zu oft gedreht haben, sind auch viele Finanzmarktprognosen zur Makulatur geworden. Der US-Dollar hat viel schwächer performt als erwartet, die Rentenmärkte dagegen haben höhere Kursgewinne eingefahren als prognostiziert. Und der Goldpreis ist entgegen allen Erwartungen um 30 Prozent gestiegen. Ähnliches gilt für die Aktienmarktprognosen, insbesondere nach dem Brexit. Aufgrund der vielen Fehlprognosen sind die Analysten derzeit sehr zurückhaltend was neue Vorhersagen betrifft. Und das vergrößert die Markt-Verunsicherung nur noch mehr.

Dahinplätschern der Weltkonjunktur

Wie gehen wir mit der fehlenden Verlässlichkeit um? Bei der Weltkonjunktur geht das Dahinplätschern weiter. Was die USA vielleicht an Wachstum auf Sicht von zwölf Monaten zulegt, könnte China durch ein sanftes konjunkturelles Abgleiten wieder wegbügeln.

Möglicherweise kommen die Überraschungen aus den Emerging Markets. Die stark nachgebenden Rohstoffpreise sind inzwischen verarbeitet, die Anpassung an das langsame Weltwirtschaftswachstum hat stattgefunden, sodass diese Region positive konjunkturelle Überraschungen bereithalten könnte. Von den Notenbanken erwarten wir nicht viel. Die FED wird auf Sicht von zwölf Monaten die Zinsen noch zweimal anheben und die EZB wird geradeaus fahren. In diesem Umfeld erwarten wir in Europa keine grundlegende Richtungsänderung an den Rentenmärkten, wenngleich die Zins-Tiefpunkte erreicht sein könnten. Die Aktienmärkte werden wahrscheinlich zulegen können – alleine schon aufgrund des Mangels an Alternativen. Ein schwaches Argument, aber immerhin ein verlässliches.

 

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Düsseldorf, 20. Juli 2016

„Draghi muss nachlegen!“

Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur anstehenden EZB-Sitzung

Die Bank von England hat es vorgemacht: Erst einmal abwarten und schauen, was passiert. Die überraschende Ruhe an den Finanzmärkten gibt auch der EZB Luft. Nicht einmal die italienische Bankenmisere hat Auswirkungen; entgegen den Erwartungen sinken die Renditespreads zwischen Deutschland und Italien. Trotzdem wird die EZB handeln müssen. Denn es gibt kaum Aussicht auf eine Wachstumsbelebung im kommenden Jahr. Infolgedessen wird das Quantitative Easing-Programm verlängert. Aber kann die Fortsetzung der expansiven Geldpolitik der EZB wirklich mehr bewirken als bisher?

Kommt der Paukenschlag?

Ein Paukenschlag wäre die Verlängerung des Programms um ein Jahr und die Aufgabe aller Laufzeitbeschränkungen samt der aktuellen Zinsuntergrenze von minus 0,40% für den Anleiheankauf. Das hätte eine Rallye an den Rentenmärkten zur Folge. Aber noch wichtiger: Der Euro könnte sich massiv abschwächen. Dadurch würden nicht nur die Inflationserwartungen steigen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exportwirtschaft. An beidem ist der EZB gelegen.

Keine Zeit für Zurückhaltung

Mario Draghi hat schon in der Vergangenheit so manche radikale Lösung präsentiert. Es ist jetzt auch nicht die Zeit für Zurückhaltung. Es wäre daher nur konsequent von ihm, bei seinem Therapieansatz jetzt gründlich nachzulegen. Ein Weniger würde wahrscheinlich nur für das Halten des Status quo reichen und weder Wachstumsschwäche noch Deflationsdruck nachhaltig beseitigen.

Die Bank von Japan, die über eine „milde“ Form von Helikopter-Geld nachdenkt, ist da gedanklich schon weiter: Sie erwägt den Ankauf von ewig laufenden Staatsanleihen zur Finanzierung von Steuersenkungen und Infrastrukturprogrammen. Die Japaner könnten die EZB in ihren Gedankengängen beflügeln. Im September wissen wir mehr.

 

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Düsseldorf, 24. Juni 2016

„Der BREXIT ist eine willkommene Ausrede“

von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur heutigen BREXIT-Entscheidung

Jetzt haben wir ihn – die Mehrheit der Briten hat tatsächlich für den Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt. Ist das jetzt das Worst Case Szenario, das Marktteilnehmer und Experten seit Wochen für die Aktienmärkte und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen prognostizieren?

Wir glauben: Der BREXIT ist eine willkommene Ausrede, um weitere Unternehmensgewinnrevisionen vorzunehmen und das Weltwirtschaftswachstum noch stärker nach unten zu revidieren. Und davor haben die Finanzmärkte wohl mehr Angst als vor dem BREXIT selbst.

Das größte Risiko droht allerdings, wenn nun auf den Austritt weiterer Länder aus der EU bzw. der Währungsunion spekuliert würde. In diesem Fall könnten an den südeuropäischen Börsen die Aktienkurse tief fallen und die Renditen stark steigen. Für Deutschland wären klar negative Renditen in allen Laufzeitbereichen die Folge, der DAX allerdings käme auch unter Druck. Weil wir erwarten, dass sich die EZB auch auf diesen Fall vorbereitet hat, würden wir dennoch keinen schwarzen Freitag erwarten.

„Gefühlsbörse nach dem Referendum wird nicht lange anhalten“

Außerdem sind wir der Überzeugung, dass „Gefühlsbörsen“, bei der der Wahlausgang alle Szenarien und jegliches fundamentale Umfeld überlagert, nicht lange anhalten – möglicherweise nicht einmal eine halbe Woche.

Doch wir sollten klar erkennen: Die Aktienmärkte stehen auch unabhängig vom BREXIT immer mehr unter Druck: Vor allem die zunehmende politische Fragilität und die anhaltende – tatsächliche – weltweite Konjunkturschwäche übertragen ihre negativen Schwingungen auf die Börsen. Der BREXIT wäre also nur der letzte Auslöser, der für den Start einer Korrektur gefehlt hätte.

Folglich halten wir fest: Die Europäische Union ist schwer beschädigt, die bereits bestehenden wirtschaftlichen und auch politischen Risiken könnten sich nun weiter potenzieren.

 

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Düsseldorf, 15. Juni 2016

Yellen lässt Zinsanhebung wegen BREXIT-Referendum sausen

von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK, zur heutigen FED-Entscheidung

Janet Yellen hat alles richtig gemacht: Die Finanzmärkte konnten sich darauf verlassen, dass die FED wegen eines möglichen BREXITs den Juni-Termin für die Zinsanhebung „sausen“ lässt. Sonst wäre die Verunsicherung noch größer geworden. Dabei wäre eine Erhöhung eigentlich fällig gewesen. Doch das in der kommenden Woche anstehende BREXIT-Referendum hat Yellens ursprünglichen Plan vereitelt. Erschwerend kamen enttäuschende US-Arbeitsmarktdaten hinzu.

Und auch für den Juli sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Zinsschrittes. Die Prognosekorrektur der Weltbank für das Weltwirtschaftswachstum von 2,9 auf 2,4 Prozent ist drastisch, und die lange Liste zur Begründung ist alarmierend. Niedrige Rohstoffpreise lassen demnach das Wachstum allein in den rohstoffexportierenden Emerging Markets regelrecht abstürzen: Noch im Januar ging man von bereits mickrigen 1,6 Prozent aus, jetzt lautet die Prognose 0,4 Prozent. Auch in den Industrieländern zieht das Wachstum nicht an und bedingt einen noch schwächeren Welthandel sowie schwindende Kapitalflüsse.

Konjunkturelle Abwärtsspirale mit Folgen für die Aktienmärkte

Diese konjunkturelle Abwärtsspirale bleibt natürlich auch für die Aktienmärkte nicht ohne Folgen: Schon jetzt fallen Schätzungen für die Unternehmensgewinne in den USA und Europa sehr dürftig aus – die erwarteten Jahresveränderungsraten bewegen sich nur knapp über der Null-Linie. Möglicherweise sind auch hier bald weitere Anpassungen nach unten notwendig. Die globalen Aktienmärkte könnten sich daher auch weit über den BREXIT-Termin hinaus schwach und volatil zeigen.

Gleichzeitig nehmen in den USA die Inflationserwartungen rapide ab. So waren zuletzt die längerfristigen Inflationserwartungen (University of Michigan) auf den niedrigsten Stand seit 1979 gefallen. Und anders als beim US-Arbeitsmarkt lässt sich bei dieser Zeitreihe schon seit geraumer Zeit ein Abwärtstrend beobachten.

Da stellt sich die Frage, ob in einem derart explosiven Umfeld in den nächsten Monaten überhaupt Raum für eine Zinsanhebung ist? Mit der Inflation und der Verunsicherung an den Aktienmärkten wird sich auch die FED beschäftigen müssen. Und die US-Notenbankpräsidenten Yellen ist ja bislang eher für ihre Bedächtigkeit bekannt.

Unabsehbare Dimensionen wirtschaftlicher Risiken

Insgesamt bleibt die Gemengelage schwierig: Selbst wenn der BREXIT nicht kommt, entspannt das die Situation nur temporär. Denn die Dimensionen der wirtschaftlichen Risiken bleiben für 2016 unabsehbar.

Wir gehen daher im Moment davon aus, dass die Leitzinsen in den USA auch über die Sommermonate hinweg unverändert bleiben – möglicherweise sogar bis Dezember.

 

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Düsseldorf, 27. April 2016

„Schwarzer Peter liegt nun wieder bei der EZB – Erklärungsdruck in Frankfurt steigt“

von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

Erwartungsgemäß hat die amerikanische Notenbank FED heute die Leitzinsen unangetastet gelassen. Was soll sie auch anderes tun? An den Finanzmärkten sinken die Inflationserwartungen für die US-Wirtschaft, das US-Wachstum liegt im ersten Quartal kaum über der Null-Linie und die Konjunktur-Aussichten sind eher mäßig, wie der erneut gesunkene US-Einkaufsmanagerindex zeigt. Vor dem Hintergrund wird auch eine Zinsanhebung im Juni immer unwahrscheinlich. Stattdessen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank in diesem Jahr nur noch einmal die Leitzinsen anhebt.

Dennoch: Die oberste Währungshüterin der USA, Janet Yellen, wird sich auch künftig alle Optionen offen halten. Die Datenlage macht ihr dieses Taktieren leicht. Der Masterplan dürfte sein, eine Zinsanhebung heraus zu zögern. Das wäre keine gute Nachricht für den US-Dollar – und damit auch nicht für die Europäische Zentralbank (EZB). Denn damit bekäme die EZB den Schwarzen Peter postwendend zurückgeschoben.

Im Gegensatz zur EZB gelingt es der FED trotz ausbleibender Zinsanhebungen, die eigene Währung zu schwächen. Die EZB hingegen kann noch so viel Munition im Währungskrieg verfeuern – sie schafft es einfach nicht, den Euro zu schwächen. Dabei könnte nur ein schwacher Euro noch für Wachstumsimpulse sorgen.

In diesem Umfeld könnte der Euro-Dollar-Wechselkurs sogar aus seiner Schwankungsbreite zwischen 1,07 und 1,15 ausbrechen. Zum Beispiel, wenn sich die Briten im Juni gegen einen „Brexit“ entscheiden. Wechselkurse müssen bekanntlich auch über längere Zeiträume nicht immer fundamental getrieben sein.

Auf die EZB kommt also noch viel Arbeit zu. Während die FED mit ihrer Politik des Herauszögerns scheinbar alles richtig macht und sich weiter entspannt zurücklehnt, stehen die europäischen Währungshüter um Mario Draghi unter permanentem Zugzwang. Der Erklärungsdruck in Frankfurt steigt weiter.

 

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Düsseldorf, 21. April 2016

„Wie lange spielt die EZB noch den Ausputzer für die Politik?“

Marktkommentar von Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

Mit ihrer expansiven Geldpolitik will die Europäische Zentralbank den nationalen Regierungen Luft zum Atmen verschaffen – aber auch Raum für notwendige Reformen. Nur die lassen auf sich warten. Bester Beweis dafür ist die nach wie vor steigende Gesamtverschuldung des Euroraums. Aber auch die ernsthaft geführte Diskussion über einen weiteren Schuldenerlass für Griechenland lässt die Frage aufkommen: Wie lange spielt die EZB noch den Ausputzer für die Politik?

Kein Wunder, dass bei vielen Menschen der Widerstand gegen den Euro wächst. Die Briten werden im Juni darüber abstimmen, ob sie in der Gemeinschaft bleiben – ein Paukenschlag, der auch in anderen EU-Ländern Schule machen könnte. In ganz Europa sind über die vergangenen Jahre politische Gruppierungen stark geworden, die einen Euro-Ausstieg vor Augen haben.

Vor diesem Hintergrund kann sich die EZB keine Fehler leisten. Sie täte deshalb gut daran, die aktuelle Debatte über „Helikopter-Geld“ – also Geldgeschenke an die Bürger – zu ignorieren. Die Aussage von EZB-Präsident Draghi, dass dieses radikale geldpolitische Mittel ein interessanter Vorschlag sei, kann ja auch als ein freundliches „nein, danke“ interpretiert werden.

Fakt ist: Nur ein schwacher Euro kann jetzt noch Wachstumsimpulse setzen, Inflation erzeugen und eine Verschärfung der Debatte um Negativzinsen vermeiden. Inwieweit dabei eine Ausdehnung der Anleihekäufe auf Unternehmensanleihen hilfreich ist, wird sich zeigen.

Bei den Zinsen scheint der Handlungsspielraum der EZB ausgeschöpft – bei der Währung dagegen kann Draghi noch glaubwürdig nachjustieren. Das größte Potenzial liegt aber bei den nationalen Regierungen: Diese müssen begreifen, dass sie ihren „Ausputzer EZB“ durch ihr langsames Spiel in eine immer misslichere Lage bringen. Denn auch im direkten Vergleich mit der FED liegt die EZB jetzt bereits mehrere Jahre zurück. Wenn ein volkswirtschaftlicher Normalzustand die Richtschnur ist, kann die EZB nicht viele Erfolge vorweisen.

 

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Düsseldorf, 16. März 2016

„Die stillen Füße der Janet Yellen“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

Der eine galoppiert, der andere übt den kleinen Ausfallschritt: So lässt sich die divergierende Geldpolitik der beiden mächtigsten Notenbanken der Welt auf den Punkt bringen. Während die Europäische Zentralbank vergangene Woche flankierend zu einer Nullzins-Politik nahezu dramatische Maßnahmen verkündete, kann es sich US-Zentralbankchefin Janet Yellen leisten, die Füße still zu halten. Zumindest bis zum Sommer oder vielleicht auch länger – vorausgesetzt, die Inflationserwartungen in den USA steigen nicht deutlich an. Bei einer weiter ausbleibenden Ölpreiswende könnte das klappen.

Gift mitten im Präsidentschaftswahlkampf

Im Dezember hatte die FED erstmals seit zehn Jahren die Zinsen wieder angehoben. Weitere Erhöhungen in diesem Jahr könnten den Dollarkurs steigen lassen – und das wäre Gift für die Exporte und die Beschäftigung im Land mitten im Präsidentschaftswahlkampf!

Das Dilemma wäre riesig, wenn die US-Notenbank unter Druck stünde, die Zinsen kurzfristig und auch regelmäßig anzuheben. Das würde den Euro massiv schwächen, aber über kurz oder lang auch steigende Zinsen in Europa zur Folge haben. Letzteres wäre für Europa genauso kontraproduktiv wie ersteres für die USA. Und das ist aktuell das Neue: Mit der gleichzeitig extrem lockeren Geldpolitik in Europa und Japan tritt für die FED erstmals ein Gegenspieler an, der ihren Handlungsspielraum einschränken kann. Das hat bisher für keine Seite negative Folgen. Doch das muss nicht so bleiben.

Nur Zeit erkauft

Das gemeinsame Ziel aller Zentralbanken muss mehr Wachstum heißen. Es wäre wünschenswert, wenn sich der Konjunkturausblick in Europa und Japan bis zum Herbst bessert. An steigenden US-Inflationserwartungen zweifeln wir nicht. Doch bisher können sich Europa und Japan nur Zeit erkaufen. Sollte das bis zum Herbst so bleiben, könnte ein Währungskrieg drohen.

 

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Düsseldorf, 10. März 2016

„Zeichen von enormer Nervosität“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen.

Zum einen sinken die realen Renditen am kurzen Ende schon seit einiger Zeit nicht mehr. Zum anderen wertet sich der Euro tendenziell eher auf als ab. Auch die erhoffte Belebung des Kreditgeschäfts in Europa kommt nur schleppend voran.

Fakt ist aber auch: Die Weltwirtschaft schwächelt weiter. Selbst die jüngste Absenkung der Wachstumsprognose durch die OECD könnte sich bald schon wieder als überholt herausstellen. In dieser Woche schockte zudem China mit der Meldung, dass der Warenexport um mehr als 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen ist.

Auch die Inflationserwartungen kann die EZB zurzeit nur begrenzt beeinflussen. Denn sie hat nicht die Mittel, um die Rohstoffpreise zu stabilisieren. Zuletzt hatten sich zwar Industriemetalle und Energiepreise gut erholt; doch fehlt dieser Entwicklung der fundamentale Unterbau. Die Spekulation der Märkte auf steigende Rohstoffpreise kann auch wieder sehr schnell zusammenbrechen, und das wäre der EZB nicht zu wünschen.

EZB droht Verlust an Glaubwürdigkeit

Die EZB braucht den Erfolg, sonst verliert sie zunehmend an Glaubwürdigkeit und Rückhalt in der Bevölkerung. Denn je mehr und je länger die Zinsen in den negativen Bereich sinken und dort verharren, umso stärker spüren auch die Bürgerinnen und Bürger die negativen Auswirkungen: Wir denken an steigende Gebühren und Prämien im Bank- und Versicherungsgeschäft und bei den Krankenkassen sowie an weiter schrumpfende Renditen bei den Pensionskassen.

Geldpolitik am Limit

Die EZB hat also allen Grund, nervös zu sein – auch wenn sie sich das nicht anmerken lässt. Im EZB-Rat war ihr Kurs schon vor der heutigen Entscheidung umstritten. Viele Zentralbanker weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, dass sich die europäische Geldpolitik „am Limit“ bewegt. Wenn jetzt im politisch ohnehin angeschlagenen Europa auch noch die Zentralbank an Reputation und Glaubwürdigkeit verliert, ergibt das kein gutes Gesamtbild.